Einfach mal nett sein

Ja, einfach mal nett sein. Heute erste Stunde Kunst in meiner Klasse. Ich – ach was soll sein, bin ich doch mal nett zur Klasse. Ich also betont langsam und mit wohlig mütterlicher Stimme die neue Aufgabe erklärt. Gewartet, bis sie ruhig waren. Gelächelt, als sie noch quatschten, dankbar genickt, als Mandy rief: „Nun seid doch mal ruhig! Sie will was sagen…Peter, Sabine!!!“ Dann idiotensicher die Aufgabe verbal seziert, alle erdenklichen Probleme oder Dinge, die man falsch verstehen könnt vorweggenommen. „Querformat!!!! Guckt mal, nicht so – Blatt hochkannt hochgehalten – neiiiin, nicht so! Sondern so – Blatt im Querformat.“ Geduldig die gleiche Frage sieben mal beantwortet. Freundlich die Blätter ausgeteilt. Ermutigende Motivierungen um mich geschleudert: „Das schafft ihr schon! Das könnt ihr! Legt mal los, das ist nicht schwer.“

Dann stolz durch die Stuhlreihen geschritten und jedem persönliche Hilfe angeboten oder aufgedrängt. Zu Christine, die schlapp auf ihrem Stuhl hing nicht gesagt: „Was hängste da? Du musst früher ins Bett!!! So kannste dir die gymnasial Empfehlung von der Backe putzen.“ Nein, heute: „Christine was ist los mit dir?“ Dabei sogar in die Knie gegangen – auf Augenhöhe- „Hast du Stress? Oder bist du nur müde?“ Und schon bekam ich von Chrinine, statt des üblichen Augenrollens ein komplettes Up-Date des Mutter-Tochter -Dramas der vergangenen Sommerferien. „Ach du Arme…ach das tut mir leid…ja, ich weiss, das muss schlimm für dich gewesen sein…“

Und der Effekt: Die Klasse war sehr viel ruhiger als sonst, nicht so überdreht und irre wie gestern. Alle waren ausgesprochen nett und höflich zueinander: „Ich: „Peter, du musst deinen Bleistift anspitzen, sonst klappt das hier nicht so gut, bzw. dann kannst du besser zeichnen.“ Daraufhin Sabine. „Hier Peter, ich hab‘ einen Anspitzer, brauchst du?“ Dann zwischendurch göttliche Ruhe. Ein sehr seltener Zustand in Schule. Genießen, genießen, genießen, die herrliche Stille vergeht schneller als sie kommt. Meltem: „Öhhh, voll still, vallah.“ Majada:“ Ja, escht ey, voll still.“ Aber sie bermerkten nicht nur die Stille, auch mein verändertes Verhalten war unübersehbar/ un- überbemerkbar. Elif: „Frau Freitag, Sie sind heute voll nett.“ Christine: “ Ja, wirklich Frau Freitag, heute sind Sie voll nett.“

Ja, ich war wirklich voll nett heute. Und ist es mir schwer gefallen? Überhaupt gar nicht! Und war das Nettsein gut? Ja, voll! Und warum bin ich nicht immer einfach mal voll nett? Tja, wenn ich das wüsste…

Auftrag für die kommende Woche: Einfach mal wieder voll nett sein!

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3 Gedanken zu “Einfach mal nett sein

  1. Einfach mal nett sein,

    was so einfach klingt, ist es leider nicht, sonst wären wir es doch alle öfter, nicht wahr? Aber es ist schön zu sehen, dass auch du die Erfahrung gemacht hast, wie positiv ein leicht verändertes Lehrerverhalten von den SuS angenommen wird.
    Noch heute erinnere ich mich an eine Lehrerin, die ich damals irgendwann in der Mittelstufe hatte und die ein sehr ähnliches Verhalten an den Tag legte. Merkwürdiger Weise kamen wir uns nie auf den Arm genommen vor, wenn sie etwas erklärte, als wären wir Grundschüler, sondern haben es als niedliche Art von ihr angenommen. (Hier und da mussten wir natürlich auch beweisen, dass wir manchmal doch nicht besser waren als „die Kleinen“.)
    Jedenfalls war es schön in einen Unterricht gehen zu könne, auf welchen man sich freute, da man wusste, dass man auf eine Lehrerin traf, die einen verstand und aufbaute. Ihrem Unterricht hatte ihr feinfühliges Wesen nie einen Abbruch getan, sie hielt den Lehrplan ein und schaffte es alles, was sie sich vorgenommen hatte, zu behandeln.
    Selbst wenn ich jetzt mit ehemaligen Klassenkameraden spreche, höre ich nur Gutes über sie. Vor kurzem habe ich sie getroffen und mit ihr gesprochen, so von Kollegin zu Kolegin, und musste erkennen, dass hinter der strahlenden Figur wohl doch nur eine Lehrerin wie wir alle steckt. Aber es war interessant zu sehen, wie solch einfache Dinge wie eine gutgelaunte Lehrerin einer Klasse im Gedächtnis bleiben kann.

    lg,
    Shannon

  2. Pingback: Einfach ‘mal streng sein « Schulbiologie

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