Es regnet immer noch

Gegen acht kommt der Freund. Gutgelaunt geht er direkt ins Badezimmer: „Mensch, das war eine Supertour. Wir waren beim Jagdschloss in Granitz und in Prora. Du glaubst gar nicht, wie unheimlich es dort aussah im Regen. Ich hab’ Fotos gemacht. Zeig’ ich dir gleich, auf einem ist sogar ein riesiger Blitz drauf. Echt geil. Und der Krüger, wie der fährt…echt super. Wusstest du dass die beiden schon seit zwanzig Jahren im Radrennverein sind? Die nehmen sogar an Wettkämpfen teil. Wo wart ihr eigentlich? Wir haben am Schloss auf euch gewartet.“

Ich verstehe nichts mehr, weil die Dusche zu laut ist, gehe auf den Balkon und rauche. Es regnet immer noch. Hinten am Meer sieht man auch immer wieder Blitze.

„Bist du fertig? Die Krügers wollen in die Kakadu-Bar und ich hab’ ihnen vom Blue Moon erzählt, da könnten wir auch noch hingehen. Die Dusche ist aus und der Freund kommt nur mit dem Handtuch bekleidet aus dem Badezimmer, stellt sich vor den Spiegel und kämt seine Haare. „Ich will nicht in die Kakadu- Bar.“  „Wieso, wir sind dort verabredet. Wir müssen noch alles besprechen, wegen morgen. Der Krüger will ein Segelboot ausleihen. Stell’ dir mal vor, die haben beide einen Hochseesegelschein, na ja, die sind ja auch aus Hamburg.“

„SEGELN? Ich geh auf keinen Fall segeln. Morgen regnet und stürmt es wieder. Ich will nach Hause. Ich hab’ keinen Bock mehr. Binz nervt.“  Jetzt guckt mich der Freund zum ersten Mal, seit seiner Rückkehr richtig an. „Nach Hause? Spinnst du? Nur weil es ein bisschen nieselt?“

„NIESELT?“ schreie ich, „Ich wäre heute fast gestorben auf dieser Scheißradtour. Das ist alles scheiße hier. Ich will hier nicht mehr sein. Das sind meine Ferien und ich muss mich erholen! Ich will nach Hause.“ „Aber wir haben doch für 10 Tage gebucht.“ „Ist mir egal. Du kannst ja noch bleiben.“ Der Freund sieht meinen Koffer. „Komm lass uns erstmal in die Kakadu-Bar gehen und dann reden wir noch mal. Du musst ja nicht mit segeln kommen. Aber ich hätte echt Bock dazu. Wollte ich schon immer mal machen. Und der Krüger meint, bei Sturm fetzt das so richtig.“

In der Bar warten die Krügers schon. Oliver steht neben seiner Mutter und guckt wieder schlecht gelaunt auf den Boden. „Na, Frau Freitag, schlapp gemacht heute?“ fragt mich der Krüger gutgelaunt. „Ach, wissen Sie,  Radfahren…“ mir fällt nichts ein. „Der Regen…mein Rad war kaputt.“ Oliver grinst. Der soll bloß die Klappe halten. Frau Krüger fummelt ihrem Sohn am Kopf rum: „Oliver, mach dir doch mal die Haare aus dem Gesicht. Du kannst ja gar nicht sehen.“ Ich finde seine Frisur sieht eigentlich ganz gut aus. Wenigstens hat er noch Haare, im Gegensatz zu seinem Vater. Der beugt sich mit dem Freund über eine Landkarte: „Hier müssten wir lossegeln und dann mit der Strömung…“

„Ich gehe mal kurz raus.“ sage ich zu Frau Krüger. Unter dem Vordach am Eingang quetsche ich mich an die Wand und rauche. Es regnet immer noch und meine Schuhe sind vom ersten Tag immer noch leicht feucht. Plötzlich steht Oliver neben mir. „Darf ich mal ziehen?“

„Sag’ mal wissen deine Eltern, dass du rauchst?“ Keine Antwort. „Segeln.“ „Ja, die wollen um 8 Uhr los.“ Oliver klingt nicht begeistert. „Segeln im Sturm. Um acht. Na, ohne mich. Ich fahre heute nach Hause. Meine Sachen sind schon gepackt. Ich glaub’ ich werd’ mal jetzt einfach gehen. Mach’s gut, Oliver.“ Damit lasse ich ihn stehen und gehe zurück ins Hotel.

Dort schreibe ich dem Freund eine kurze Nachricht, er soll nicht böse sein, sich beim Segeln amüsieren und mich später anrufen. Dann nehme ich meine Koffer und gehe zum Bahnhof. Binz nervt echt. Ist mir nie so extrem aufgefallen wie heute. Der Zug geht erst in einer Stunde und ich werde wohl heute Abend nur bis Hamburg kommen. Na, macht nichts, besuche ich Barbara, die kenne ich noch aus der Schule und die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.

Als der Zug schon eingefahren ist, kommt Oliver angerannt. Völlig außer Atem und mit einer Reisetasche über der Schulter springt er in den Zug: „Kein Bock mehr auf Binz.“ In dem Moment schließen die Türen und der Zug fährt los.

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6 Gedanken zu “Es regnet immer noch

  1. ich dachte ja auch man segelt bzw. sitzt in einem boot um trockenen fußes über das wasser zu kommen – warum gehen die nicht gleich schwimmen – so ein segelboot mieten kostet doch einiges und wie man sieht wird man ebenso nass

    ich wäre auch zurück gefahren!

  2. Sehr schön.
    Bei diesem Eintrag ist mir zum ersten Mal eingefallen, dass alles in diesem Blog komplett fiktiv sein könnte (was es nicht weniger unterhaltsam macht).

  3. Mensch, Sie machen es aber spannend…sitzt der Freund jetzt allein auf Rügen, während Sie mit einem potentiellen Schüler durchbrennen? Und das alles weil der Sommer mal wieder rumzickt? Fragen über Fragen…

    Vielleicht schreiben Sie eine Theaterstück, dass Ihre Schüler dann im nächsten Schuljahr aufführen: „Frau Freitag und ein Sommer zwischen Dauerregen und Hitzeschock – ein Drama in drei Akten“

  4. werter herr rip, das habe ich mir auch schon öfter überlegt, wäre heftig fiktiv, also exzellent!
    gruß von der wildgans

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