Tour de Rügen

Morgens beim Frühstück, bin ich schon ganz aufgeregt: „Ist das nicht toll, dass wir hier mal Leute kennen lernen? Und jetzt machen wir auch noch eine Radtour mit denen.“ „Hmm, is’ toll.“ Der Freund hört mir gar nicht richtig zu, er kämpft mit dem Ei. Es ist etwas zu weich und jetzt trennt er das flüssige Eiweiß vom Eigelb. Er weiß nicht wohin mit dem Eiweiß. „Das war doch echt nett gestern Abend mit denen. Dieser Krüger, der ist ja total lustig und sie ist auch wirklich nett. Hast du gehört, die wird nächstes Jahr Seminarleiterin. Aber der Sohn. Viel Text hatte der ja nicht.“ „Ist halt ein Teenager.“ „Ja, aber trotzdem. Der sagt ja gerade mal ja und nein. Sonst hat der den ganzen Abend gar nichts gesagt. Ah, da kommen sie. – Ach du scheiße, wie sehen die denn aus?“

Herr und Frau Krüger stehen vor uns, in voller Radfahrermontur. Hautenge Radlerhosen und dazu passende Trikots. Solche mit Taschen auf dem Rücken. Er hat einen kleinen Rucksack und sie hält eine Wasserflasche aus schwarzem Plastik in der Hand. Beide haben Fahrradhelme dabei. Aber nicht irgendwelche, sondern solche, die hinten schmaler werden.

„Kann’s los gehen?“ fragt Herr Krüger. „Klar. Sie sind ja gut ausgerüstet. Dann mal auf zu Pauli’s Radshop. Mal sehen was für Gurken der heute im Angebot hat.“ sagt der Freund. Ich bin sprachlos. Die beiden sehen so profimäßig aus – Herr Krüger hat sogar die Beine rasiert. Frau Krüger dreht sich noch mal um: „Oliver, kommst du?“ Oliver trägt dasselbe T-Shirt und dieselben zu großen Jeans wie am Vortag und trottet langsam und schlecht gelaunt hinter seinen Eltern her. Viel Radtourbock scheint er nicht zu haben. „Na, freust du dich schon aufs Radfahren?“ fragt Frau Freitag ganz die freundliche Pädagogin. „Es regnet gleich.“ „Ach, “ versuche ich ihn zu beruhigen „das nieselt bestimmt nur ein wenig.“

Aber als wir vor die Tür treten sehe ich dicke, schwarze, tief hängende Wolken am Himmel. Pauli leiht uns fünf etwas abgenutzte Mountainbikes zum Spezialpreis. Herr Krüger verhandelt gut. „Und Frau Freitag, keinen Helm?“ „Nee nee, lassen Sie mal, da fühl ich mich nicht wohl mit. Ich fahr auch nicht so besonders schnell.“

Ich nicht, aber die Krügers. Kaum sitzen sie auf ihren Rädern, pesen die auch schon in einem Affenzahn die Strandpromenade runter. Der Freund hinterher. Der Teenager und ich bilden das Schlusslicht: „Na, deine Eltern fahren ja ganz schön rasant.“ keuche ich schon nach den ersten Metern. „Sind beide im Radrennverein.“

Ich bin schon nach zehn Minuten völlig aus der Puste. Meine Beine tun weh, mein Hintern schmerzt, der Sattel ist viel zu hart, ich komme mit der Gangschaltung nicht klar und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte wir radeln so ein wenig am Meer lang. Zum Glück ist der bocklose Oliver bei mir. Lustlos passt er sich meinem Tempo an. Der Freund und die Krügers sind nicht mehr zu sehen.

Der Regen wird immer doller. „Na Oliver, Spaß ist was anderes, oder wie siehst du das?“ Oliver gibt ein verächtlich klingendes Geräusch von sich. Ich glaube er stimmt mir zu. „Scheiße, meine Hose ist schon ganz nass. Und mit dem Wind…scheiße jetzt wird es echt kalt.“ Ich fahre durch eine große Pfütze „Na toll, warum haben diese Drecksmountainbikes keine Schutzbleche. Eine schwule Dreckskacke ist das.“ brabble ich vor mich hin. Oliver grinst: „…ja, echt schwule Dreckskacke…“

„VERFICKTE ARSCHRADTOUR MISTSCHEISSE!!!“ schreie ich und fühle mich etwas besser. Wir sind schon außerhalb von Binz und hier scheint kein Mensch mehr in Hörweite. Hier ist überhaupt niemand zu sehen. Die Zivilisation hört hier auf. Es gibt auch keine richtigen Straßen oder Wege mehr. Wir ackern uns durch aufgeweichten Matsch. Ich habe Schwierigkeiten die Kontrolle über das Fahrrad zu behalten. Ständig verkantet sich das Vorderrad. „Geht’s?“ fragt Oliver als ich fast vom Rad falle.

Als es das erste Mal blitzt kriege ich einen Mordsschreck und beim dazugehörigen Donner rutsch ich mit dem Vorderrad weg und fliege über den Lenker direkt in den Matsch. Oliver kichert. „Sehr witzig! Scheiße, Scheiße, verfickte Scheiße, jetzt sind meine Sachen komplett versaut. Ich hab’ keinen Bock mehr! Ich fahr nicht mehr weiter. Ich bleibe jetzt hier sitzen. Die müssen doch irgendwann wieder zurückkommen.“

Ich suche meine Zigaretten in der Jackentasche. Die meisten sind total aufgeweicht und die nassen Finger helfen auch nicht. Aber eine ist noch halbwegs trocken. Die anderen zerknülle ich mit der Packung und schmeiße sie in einen Busch. „Kann ich mal ziehen?“ fragt der Teenager und als er inhaliert sieht er das erste Mal irgendwie zufrieden aus. „Radfahren ist echt nicht mein Ding. War’s noch nie.“ sage ich und nehme die Zigarette wieder an mich. “Ich fahre auch lieber U-Bahn“ sagt er und stößt dabei den Rauch aus, als hätte er gerade an einem Joint gezogen.

Wir sitzen noch eine Weile unter einem Baum im Matsch und warten bis es aufhört zu regnen, dann schieben wir die Fahrräder wieder nach Binz. Wortlos gebe ich meins bei Pauli’s Radshop ab. Pauli guckt auf meine völlig verdreckte Hose, zum Glück sehe ich ihn durch meine nasse Brille nicht richtig, aber ich glaube er grinst.

Im Hotel schalte ich den Fernseher an und lege mich in die Badewanne. Meine Klamotten deponiere ich auf dem Balkon. Vom Badezimmer höre ich Ben Wettervogel: „…das massive Sturmtief zieht nach Norden und wird an der Küste für weitere ungemütliche Tage sorgen. In der Mitte und im Süden Deutschlands stabilisiert sich das Azorenhoch und bringt wieder Sommertage mit Temperaturen über dreißig Grad.“

Eine Stunde später habe ich meine Sachen gepackt.

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2 Gedanken zu “Tour de Rügen

  1. na dann mal viel spaß in der Mitte und im Süden Deutschlands. Hier im osten ists grad mal wieder scheißeschwülheißklebrigmückenverseucht.

    aber kein Regen, funktionierende Zigaretteautomaten, (braucht Mann aber nicht mehr) immer mal ne Kneipe oder ein Kaffee.

    aber die Webcams zeigen für Rügen im Moment auch keinen Regen mehr.

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