Integration – wo ist das Problem?

Noch mal zur Integration. Also an meiner Schule haben wir überhaupt keine Probleme damit. Fröhlich integrieren wir seit Jahren und sind damit sehr erfolgreich. Beim letzten Ramadan übergab sich Sabine in der Mathestunde, weil ihr vom Fasten schlecht wurde und Rainer kam im März vor dem Unterricht auf mich zu: „Ich heiße ab jetzt Mohamed.“ Stoisch reagierte er nicht mehr auf seinen Kartoffelnamen, spielte unentwegt mit seinem Gebetskettchen und las ständig in einer deutschen Übersetzung des Korans. Also ich weiß gar nicht, was alle haben. Integrieren ist doch easy. Der Trick ist einfach, eine moslemische Mehrheitsgesellschaft zu schaffen.

Siebte Klasse – Vertretungsunterricht. Ich lasse die Schüler was zeichnen. Ein Gruppentisch ist ziemlich laut. Ich höre mehrfach „Charra und scharmuta“ (Scheiße und Hure) Irgendwann reicht es mir. Ich stürze mich an den Tisch und schreie „Challas!“ (lass das!). Die Jungen gucken mich verwirrt an.  Ich sage: „Istrele!“ (arbeitet)

Keiner reagiert. „Was ist, verstehst du das nicht?“ frage ich den einen und gucke dabei sehr böse. „Ich kann kein Arabisch, ich bin Kurde.“

„Aber du…“ wende ich mich an den nächsten „Du verstehst das doch..“ „Nee, ich bin aus Polen. Der dritte was Türke und dann saß da noch einer mit einer thailändischen Mutter, der aber nur deutsch sprach. Aber fluchen auf arabisch, das geht. Wenn wir die Schüler nicht da abholen wo sie sind, dann machen das eben die Mitschüler. Und irgendwie ist es doch auch schön, wenn sie was lernen. Wie könnte ich als Fremdsprachenlehrerin nicht begeistert sein, dass sie sich freiwillig mit anderen Kulturen auseinandersetzen?

Mein Kollege sagte neulich „Ich bin der einzige Deutsche in meiner Klasse“. „Na hoffentlich wirst du auch gut integriert.“ Da meine Definition von deutsch sowieso eine andere, als die der meisten meiner Kollegen ist (für mich sind meine Schüler alle Deutsche),  sehe ich die Integrationsdebatte ja auch gelassen.

Mein Türkisch wird von Tag zu Tag besser und mit dem Arabisch – na ja, ich arbeite dran. Is’ auch schwer, vallah! Diese ch-Laute sind eher was für Schweizer.

Elterngespräche auf Türkisch klappen aber schon ganz gut. Übersetzt gehen die ungefähr so:

„Ich Lehrerin Erhan.“ (Öretmen Erhan)

„Ahh.“

„Erhan nein sehr schön Englisch. (Erhan hayir cok güzel English) Erhan immer Handy“ (Handy ist universal verständlich)

„Erhan Kunst sehr schön.“ (Erhan Kunst cok güzel)

„Erhan Englisch nein, nein“  (Erhan Englisch hayir, hayir)- ‚schlecht’ kenne ich noch nicht.

Ich mach ein trauriges Gesicht. Mutter Erhan auch.

Ich: „Aber Erhan guter Junge (Bushidos Plattenlabel) memnum oldum Erhan (sagt man eigentlich zur Begrüßung und heißt soviel wie „ebenfalls angenehm“)

Mutter wieder happy. Frau Freitag auch happy. Erhan auch happy. Fertig.

Heute hat mir jemand „inshallah tmout“ beigebracht. Das heißt „hoffentlich stirbst du“. Mal sehen, wie ich das in das nächste Elterngespräch einbauen kann.

Advertisements

9 Gedanken zu “Integration – wo ist das Problem?

  1. Das mit dem heimatfremden Sprachgebrauch ist mir auch hinlänglich bekannt. Letztlich verantwortlich hierfür sind die Generationen an Migrantenkids, welche jetzt Platten veröffentlichen (Bushido ist ja nicht alleine!), und ihre seltsame Mischform von diversem Sprachgut aller Herren Länder als Lifestyle verkaufen. Sprichst Du dann als Jugendlicher nicht so wie die anderen, dann haste ein Problem…
    So kommts, dass Polen, Türken und z.B. auch Deutsche immer weniger Deutsch, Polnisch, Türkisch und Arabisch können, weil ihnen eben nur die Lifestyle-Kanak-Sprak von Bushido von der Peergroup eingeimpft wurde.
    Der Drei-Punkte-Plan von Frau Freitag ist also unsere letzte Hoffnung – Wir sollten es angehen, sofort!
    ; )

  2. Ich war mir gar nicht bewusst, dass Lehrer auch Elterngespräche führen müssen mit Eltern, die gar kein Deutsch sprechen. Ist da nie einer dabei, der das Ganze übersetzen kann, oder wäre das in dem Fall der Schüler selbst (sagen wir mal: garantiert objektive Übersetzung)?

    • der schüler als übersetzter ist ungünstig. wäre so, wie wenn der angeklagte auch gleichzeitig der richter wäre. der schüler sich selbst benoten und der lehrer sich selbst schulinspizieren würde. Übersetzter…klar gibt es (an manchen schulen) aber finde mal jemanden, der urdu spricht, aramäisch (schlomo heißt übriegens hallo), albanisch oder kroatisch. Und arabisch ist auch nicht gleich arabisch – da gibt es tausende von dialekten und hocharabisch spricht eigentlich niemand. Und liebe leute, kurdisch ist was ganz anderes als türkisch!
      irgendwie fummelt man sich da schon durch. meistens sprechen die eltern ja auch besser, als die schüler sagen. der standartsatz eines schulstörers: „Meine eltern sprechen gar kein deutsch.“ und dann rufst du an:“grüß gott frau freitag, was hat der ahmet denn diesmal ausgefressen. Na ich galub‘ mein schwein pfeift…“

  3. Köstlich geschrieben oder besser gesagt: ironisch-sarkastisch. Wie viel ich da wieder erkenne. (Ich bin allerdings raus 🙂

  4. Oh, eine sehr nette Gute-Nacht-Geschichte. Lustig ist sie auf jeden Fall. Und wenn sie wahr sein sollte, freue ich mich, dass die deutsche Sprache erweitert wird und die deutschen Bürger sich weiter entwickeln. 1696 Jahre Christentum, und einseitige Lehnwörter aus dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen, Italienischen, Indischen und Skandinavischen usw sind jah so langsam „out“. Wieso also den deutschen Wortschatz mit Algebra, Magazin und Alkohol oder Schach, Kiosk und Scheck, Tasse und Tulpe nicht salonfähig auf ein „challas“ erweitern?

    Ich hätte nichts dagegen und werde die Integration fördern und hoffe, dass keiner aufmuckt oder sich widersetzt. Oder hat jemand aufgemuckt, als man „Ciao“ in die deutsche Sprache aufgenommen hat?

    In dem Sinne hoffe ich mal auf ein „wâ salâm“ wenn ich mich verabschiede und

    salâm!

  5. Ich bin Polin und seit langem Klugscheißerin wenn es um die deutsche Sprache geht. Wehe mir kommt einer mit dem falschen Imperativ! <_<
    Allerdings bin ich jetzt neugierig geworden und werde meine Mutter fragen, wie es damals bei den Lehrergesprächen war. Ich kann mich nicht erinnern.

  6. Herrlich, ich könnte die ganze Nacht weiterlesen!

    Ich selbst bin Schülerin und habe das Gefühl, dass die Deutschen manchmal mehr bei den sogenannten ,,Ausländern“ integriert werden, als anders herum. So spreche ich auch ein paar Brocken türkisch, das wichtigste im Überblick:
    orosbu – Schlampe/Prostituierte
    eshek – Esel
    odun(e?) – Holz (wird eher als Beschimpfung verwendet)
    öcüz – Ochse

    Und natürlich ganz wichtig:
    hamak – Hängematte
    mesane – Harnblase

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenig Deutsch die Eltern einuger meiner Mitschüler sprechen. Übrigens finde ich es seeehr interessant den Schulalltag aus der Sicht eines Lehrers zu sehen und zu erkennen: Der Schüler ist vom pädagogischen Geschwafel des Lehrers genau so angenervt wie der Lehrer selbst.
    Es wäre längst an der Zeit etwas an dem Bildungssystem und vor allem am Lehrplan zu ändern (Da fällt mir ein hervorragendes Zitat meines Mathelehrers ein: ,,Ihr werdet es zwar nie wieder brauchen, aber es steht auf dem Lehrplan.“). Kaum einer ist nach der Schullaufbahn wirklich auf das LEBEN vorbereitet.
    Traurig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s