Das stimmt aber nicht!

Mein Freund sagt: „Wenn man alle deine Einträge liest, könnte man denken du bist zynisch, gleichgültig, abgeklärt, hoffnungslos, ohne Ideale und vor allem ohne Perspektive.“ Aber das stimmt gar nicht! Ich liebe meinen Beruf wirklich!

Und Frau Wolff denkt meine Schüler würden unter mir leiden, wie ich unter dem Referendariat. Auch das stimmt nicht. Aber wie soll ich das hier glaubhaft vermitteln?  Vielleicht mit einem Perspektivwechsel.

Montagmorgen 7.45 Uhr zwei Schüler meiner Klasse treffen sich an der Bushaltestelle. Der Bus hat Verspätung. Nennen wir sie Peter und Sabine. Sabine zu Peter: “Scheiße, der Bus hat Verspätung, jetzt kommen wir zu spät zu Englisch.“

Peter: “Is’ doch egal, wir haben doch bei Frau Freitag.“

Sabine: „Stimmt, die sagt ja eh’ nix. Hast du die Hausaufgaben gemacht?“

Peter: „Welche Hausaufgaben?“

Sabine: „Ich glaube wir sollte so einen Text lesen. Aber ich weiß gar nicht wo der ist. Und irgendwelche Fragen beantworten…oder sollten wir nur die unregelmäßigen Verben unterstreichen? Ah, endlich, da kommt der Bus.“

Zweite Stunde. Hof. Zwei Zehntklässler (sagen wir mal Babsi und Michael) auf dem Weg in die Cafeteria. Es ist kurz vor der vierten Stunde.

Michael: „Was ham wir jetzt?“

Babsi: „Kunst.“

Michael: „Gehst du hin?“

Babsi: „Nee, is’ doch nur bei Frau Freitag, ich sag’ ich hatte Bauchschmerzen. Die entschuldigt doch sowieso alles.“

Michael: „Ja stimmt.“

Kurz vor der Mittagspause:  Zwei Neuntklässlerinnen kommen an meinem Klassenraum vorbei. Ich führe gerade ein sehr pädagogisches Gespräch mit einer Schülerin deren Freundin schwanger ist und deren Freund sie zu einem Schwangerschaftsabbruch überreden möchte.

Die vorbeikommenden Mädchen: „Frau Freitag, können wir noch mal ihre Filzer ausleihen, wir haben gleich Kunst und die gibt heute Noten und ich hab’ meine heute vergessen und eine Schwere und zwei Kleber brauchen wir auch noch.“

Ich: “Hier, aber bitte wiederbringen.“

Okay, so oder so ähnlich sehen meine Vormittage aus. Ich höre schon den Vorwurf: „Ja, mit Laissez faire und Schülerschleimerei versucht sie sich jetzt aus der Affäre zu ziehen. Inkonsequent ist sie auch noch, verfolgt das Zuspätkommen und das Schwänzen ihrer Schüler nicht ordnungsgemäß…“ Aber das tue ich! Ich schreibe mir die Finger wund (Elternbriefe, Schulversäumnisanzeigen, Aktenotizen…), quassle mir den Mund fusselig „Das mit dem Schwänzen muss aufhören! Ihr wart schon wieder zu spät bei Mathe…“. Aber was soll ich sagen: Es nützt nichts.

Allerdings ist mir eines immer bewusst, nämlich, dass die Schüler einen Großteil ihrer Jugend in der Schule verbringen. Und wir sind nicht nur dafür verantwortlich sind, dass sie etwas lernen, sondern auch, diese Zeit so zu gestalten, dass sie sich gerne daran zurückerinnern.

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9 Gedanken zu “Das stimmt aber nicht!

  1. Wir sind dafür (Schülerglück und gute Erinnerungen an Schule) nur teilweise verantwortlich. Aber wie sehr? Ich find’s total schwer, hier das richtige Maß zu finden. Wo kann/soll/muss ich Fünfe grade sein lassen und wo bin ich voll in der Pflicht? Was muss alles (im Unterricht und drumrum) mindestens hinhauen? Darüber erfährt man im Referendariat ganz wenig bis null. Das muss man durch eigenes Handeln rausfinden – mal exakt arbeiten und mal schludern und dann gucken, ob eine/r von obendrüber in der Hierarchie wieder sagt:

    Kleiner Fogel, werde anders,
    kleiner Fogel, werde toll.
    So geht das nicht, du bist zu faul,
    ich weiß echt nicht, was das soll.
    Du, du, du, du! Du, du, du!
    werde fleißig, werde toll.

  2. Liebe Frau Freitag!

    Da bin ich aber sehr froh, dass ich über Frau Wildgans hierher gelangt bin!

    Du beschreibst diesen ganz normalen Schulalltagswahnsinn wie er wirklich ist – live und in Farbe. Ich habe noch nicht sehr viel gelesen, aber ich sage dir, ich komme wieder zum Stöbern.

    LG – Donna

    • Liebe Donna,
      herzlich Willkommen in unserem kleinen virtuellen Lehrerzimmer. Schau ruhig mal öfter rein, hier ist für jeden was dabei.
      gruß
      frau freitag

  3. Also auf mich haben ihre Texte jetzt gar nicht gleichgültig und hoffnungslos gewirkt. Das Bild was sich mir vermittelt hat war schon das einer engagierten Lehrerin, die sich eben mal die sicher manchmal anstrengenden Macken ihrer Schüler von der Seele schreibt und das mit einer guten Portion Humor.

    Ist doch legitim, macht Platz im Kopf für Wesentliches und unterhält Ihre Leser…:-)

    Gleichgültigkeit wäre „Die Jugend von heute ist doof und ich zieh das hier bis zur Rente irgenwie durch“

    Find‘ ich jetzt so…

    • Das freut mich sehr, dass ich hier nicht missverstanden werde. Und ich finde die Jugend ja gar nicht doof…die ist doch eher erfrischend durchgeknallt und dass macht ja den Beruf so interessant – leider auch oft anstrengend. Und die Rente….ach die…die schaffen die doch bestimmt bald ganz ab und dann wird durchgearbeitet bis der Löffel fällt.

      In diesem Sinn
      gruß
      frau freitag

  4. Sehr geehrte Frau Freitag,
    ………“dass sie sich gerne daran zurück erinnern“ Zitatende (die jugendlichen…..an ihre schulzeit…….hm…..)
    Und wer denkt jetzt mal an mich? An das alte, täglich tapfer in die schule tapernde Frl. Krise?????? Wer kümmert sich darum, dass ICH auch meine nun schon 36 jahre andauernde Schulzeit – ohne die 13 jahre, die ich bis zum Abi brauchte – in guter erinnerung behalte…*seufz ?
    ach….ich will ja nich klagen, hauptsache den kindern gehts gut und sie sagen zu mir, wenn sie dann gehen : „Ey, Frl. krise, kopf hoch, mein kuseng kommt in ihre neue klasse, aber der is richtig schlimm, werden sie sehen….hahaha.“ Nichts für ungut, werte Fraufreitag…..
    Vielleicht guck isch morgen wieder rein…..trotzdem und deswegen

  5. Ich liebe Perspektivenübernahme!!
    Und dieser Blog hat nicht nur immer so schöne Beiträge, nein, hier werden auch sehr viele schlaue, einfühlsame und nicht zuletzt sehr lustige Kommentare geschrieben.
    Gut, dass auch die zeitlich entferntere Perspektive vertreten ist – quasi erneuter Perspektivenwechsel – Dank an Frau Krise!

    Also, ich habe mich wieder gräflich amüsiert und bin sicher Ihre Schülerinnen und Schüler, liebe Frau Freitag, haben es nicht schlecht getroffen mit Ihnen.

    In diesem Sinne verbleibe ich mit den besten Wünschen für Sie und

    Ihre Schülerscharen

  6. Also, die Tatsache, dass Frau Freitag ihren Job nich Kacke findet und die kleinen Aligangster ihr nich nur aufn Kranz gehen, ist eindeutig daran zu erkennen, dass sie diesem Thema einen ganzen Blog widmet. Sie scheint ja gern und viel von ihrem Job zu erzählen.

    Escht, jetzte Frau Freitag, voll geil ey. Bist du bestimmt rischtisch kuhle Lehrarin. Hätt ich bestimmt gut mit sie verstanden, hätt isch sie als Lehra gewesen und so.

    Greets & Hugs

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