Ich geh‘ einfach mal nicht hin

Ich schwänze. Es ist 8.02 Uhr und ich sitze am Computer. Aber nicht in der Schule, sondern zu hause. Au Backe. Jeden Moment könnte das Telefon klingeln und sie könnten mich finden. Ich habe in den ersten Stunden in der 10.Klasse. Die sind heute nicht da. Ich stand gestern nicht auf dem Vertretungsplan. Und jetzt, bin ich einfach nicht hingegangen. Wer sich selbst im Schuldienst befindet, weiß, was das heißt: Aufgaben des Lehrers: Anwesenheitspflicht, Abmeldungspflicht, Immerbereitseipflicht – werden in diesen 45 Minuten alle von mir ignoriert. Eigentlich wollte ich anrufen und fragen, ob ich heute auf dem Vertretungsplan stehe – aber dann dachte ich – Nö! Jetzt zieh ich das durch, das ganz große Ding. Ich gehe einfach nicht hin! Mein persönlicher Ausnahmezustand! Anarchie! Meine kleine Rache!

Ein bisschen mulmig ist mir schon, so einsam am Rande der Legalität. Aber wenn die gleich anrufen, dann werde ich sagen: „Na und – mir doch egal! Hatte keine Lust! Äzschibätschi! Und wenn ihr nicht nett seid zu mir, dann komm’ ich morgen auch nicht – und ruf noch nicht mal an.

Und wenn ich doch hingehe, dann ohne Vorbereitung und wenn’s klingelt setze ich mich einfach auf einen Stuhl, ganz hinten links und warte was passiert. Sollen doch die Schüler mal den Unterricht machen und ich höre ein wenig MP3 oder spiele mit dem Handy rum. Ab und zu falle ich vom Stuhl, weil ich das mit dem Essen und gleichzeitig kippeln noch nicht so gut kann. Meine Pausenaufsicht ignoriere ich, rauche stattdessen eine im Klassenraum – warum immer extra nach unten gehen? Wenn mich ein Schüler darauf anspricht sage ich: „Halt’s Maul, du Spast.“ Will der mir dann eine hauen, schlage ich richtig doll zurück.  Wenn sie dann kommen, um mich aus dem Klassenraum zu entfernen, lasse ich mich raus tragen und schreie dabei und spucke. Die Polizei lüge ich an, ich sag’ einfach einen falschen Namen und, dass ich jegliche Aussage verweigere. Vielleicht beleidige ich die Polizisten und den Schulleiter auch noch ein wenig. Irgendwas mit deren Müttern oder so. Ich könnte auch ein Messer dabei haben  und mit ausgestrecktem Arm durchs Lehrerzimmer oder übern Hof rennen und schreien: „Kommt doch, kommt doch her! Ich mach euch alle kalt!“

Vor meinem Prozess gebe ich Fernsehinterviews. Bei RTL sage ich: „Das war einfach mal nötig.“ Bei der ARD sage ich: „Weiß auch nicht was mich da geritten hat.“ Und bei N-TV: „War ich nicht!“  Gutachter werden feststellen, dass das alles abzusehen war: manisch –depressiv, seit Jahrzehnten, Tinitus seit letztem Oktober und nervöse Zuckungen seit Schuljahresbeginn.

Die Schüler haben durch mich die Gelegenheit im Fernsehen mal groß raus zu kommen: „Ja Alta, ischschwöre, die war immer irgendwie komisch.“ „Der Unterricht war  auch voll strange. Irgendwie langweilig, weissu – da hat man nie was verstanden.“ „Ja eh, vallah, sie konnte nix richtig erklären und manche Vokabeln wusste sie einfach nicht.“

Die Aufregung um meine Person wird sich  nach einigen Monaten legen und ich werde meine letzten Jahre in der Psychiatrie verbringen, sabbernd aber glücklich, weil irgendwie auch entspannt.

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11 Gedanken zu “Ich geh‘ einfach mal nicht hin

  1. ich würde rotten sound hören, wenn ich da so in der ecke säße und also kurz vorm moment, wo ich die alle platt mache. oder today is the day. oder „asi-hochhäuser“ von hammerhead.

    oder beethoven-popeethoven.
    schöne phantasie ürigens, die du da so knackig schilderst. ich glaub, es ist was dran an der theorie, dass die durchknaller und amokläufer immer mit entweder zu vielen oder zu wenigen regeln und rhythmen durchs leben laufen/liefen.
    na, meistens sind’s wohl zu viel regeln, schranken und neins – zumindest bei den US-typen aus midwest und bei den deutschen.

    übrigens find ich die einstellung sehr ambitioniert und lobenswert, dass du hier jeden tag was reinschreiben willst. oder seh ich das falsch?

    bei regelmäßigen 7stündigen gangsterdressuren laut stundenplan würde ich das nie und nimmer durchhalten. ich fänds aber erfreulich, wenn’s dir täglich so viel spaß macht, das hier jeden tag was neues steht.

    meine doppelstunde heut war schwierig, hab ich aber ganz gut hingekriegt und war ganz zufrieden hinterher. war aber unverhältnismäßig viel aufwand und psychostress vorher. …muss echt den kopf freier kriegen hier.

    also, mögen sich die batterien von selbst laden und spannungen in hirn und muskeln lösen und schnell verflüchtigen. und dann geht’s vom blaumachen nicht zum amoklauf, sondern zum glück!

    piep, piep

    • Lieber kleiner fogel,
      ein schöner kleiner song, sehr gut geeignet für nen sauberen a-lauf.
      und ja, ich versuch’s einfach mal, hier jeden tag was reinzuschreiben. bisher geht’s noch gut, außer gestern, aber da hatte ich einen würdigen ersatz.
      Schade is nur, dass das hier noch nicht so viele leute lesen. ich hätte gerne mehr leser. also mach mal werbung, wenn du jemanden kennst, der über sowas lachen könnte. denn diese erbaulichen kommentare machen mich ja auch schon glücklich.
      okay, also bis morgen.
      Tschüß
      frau freitag
      Ps: Glückwunsch zur überlebten doppelstunde. ich weiß, wieviel arbeit da drin steckt und kann mich gut an das vorher – nacher erinnern. Wird besser, versprochen! zumindest fällt die vorbereitung so gut wie weg:).

  2. Ich habe mich gefreut, den Blogeintrag zu lesen. Nachvollziehbar udn sehr anschaulich. Ich frage mich schon seit einiger Zeit, wann der erste Lehrer merklich durchdreht.

    Wie mache ich denn am besten Werbung für den Blogeintrag? „Lehrerin kündigt Amoklauf an“?

    • Ich weiß auch nicht, ich hatte beim schreiben absichtlich nicht das a-wort benutzt, weil ich angst habe, dass die polizei das filtert und dann… jedenfalls erzähle ich das doch immer den schülern, dass sie das nicht mal aus spaß machen sollen. und jetzt mache ich das selber…. aber mach‘ mal ruhig trotzdem werbung, wie du gesehen hast bin ich ja noch sehr neu in dieser schönen blogwelt und kapiere noch nicht so ganz, wie ich hier neue leser gewinnen kann. Aber heute ist ja was seltsames passiert, mein koordinatensystem, also dieser statistik pfeil schoß in die höhe. Von gestern noch 28 lesern, zu 362 lesern heute. scheint ja einen nerv getroffen zu haben. schön, wenn es geheime wünsche widerspiegelt. aber bitte nicht in echt machen. ich war heute in schule – pflichtbewußt, super pünktlich und ganz artig. okay, nochmal vielen dank für das nette feedback und bitte nicht zu hause / oder auf arbeit nachmachen. is nur für die fantasie.
      gruß
      frau freitag

  3. Viele Leser: Ich hab heute den Artikel getwittert, und ein paar andere Leute haben das dann weitergereicht; ich glaube, da ging die Mundpropaganda recht schnell.

  4. Ey, krass, dann wird das hier grad voll schnell voll riesig und kleiner fogel, häuptling von leopoldplatz, sagt in 14 tage in bz und stern und so, er war voll früh bei als einer von ersten.

    auch ich hab’s schon weitererzählt, allerdings nur durch wirkliche mundpropaganda. twittern kann ich noch nicht, besser gesagt: ich als musikmacher und -verbreiter finde doch myspace viel praktischer als twitter. vielleicht ist twitter was für fans?!

    ich versichere, das a…-wort aus genannten polizei-gründen zu meiden. du hast recht: besser keine schlafenden, schnüffelnden bullen wecken.

    und zu Herrn RAU: Ganz GENAU! Das Gleiche hab ich mich auch schon oft nach den Messer- und Gewehrläufen gefragt: Wann dreht der erste Pauker durch? Warum tut’s nicht auch mal eine Lehrerin? Freut mich sehr, dass ich nicht der einzige mit diesem Gedanken bin. Ich könnte einen Gewehrlauf von der Gegenseite (also unserer) jedenfalls irgendwie gut nachvollziehen – wiederum auch hier: nur in der Fantasie!

    Ach, und „Gewehrlauf“ statt des A…-Worts zu benutzen, finde ich super.
    Gute Wortschöpfung von mir. Auch „Musikverbreiter“ statt „Musiker“ gefällt mir.

    Bis morgen oder WE,
    k. f.

    ps. Vielleicht titelt die Bild ja schon übermorgen: „Lehrer hatte Gewehrlauf im Internet angekündigt.“ Bin gespannt und voller Fantasie.

  5. Einfach nur noch genial geschrieben!! Ich sag es mal so: Ich freue mich schon auf mein Referendariat!! 😉 (zumal man am Anfang tatsächlich noch Hinten sitzen darf und mit dem Handy spielen könnte!!)

  6. Pingback: Vorspeisenplatte » Blog Archive » Journal 5. Juni 2009

  7. Ich lese das hier ein paar Jahre später und als Schülerin und ich muss sagen, es ist wirklich spannend zu erkennen, dass Lehrer und Schüler sich in manchen Sachen doch ziemlich ähnlich sind. Vor allem die nervösen Zuckungen nach Schulbeginn und die Gedanken, einfach mal dem inneren Wahnsinn nachzugeben, kommen mir ungemein bekannt vor ;).
    Da ich selber wahrscheinlich Teil des Problems bin (obwohl ich annehme eine noch relativ gut auszuhaltende Schülerin zu sein), möchte ich mich hier im Namen aller Schüler entschuldigen. Wir können wohl wirklich unausstehlich sein – aber wem sage ich das ;). Also: es tut mir aufrichtig Leid.
    Ich finde diesen Blog wirklich sehr interessant, noch dazu ist es eine wirklich gute Ablenkung, wenn man doch eigentlich ein Portfolio für Französisch schreiben sollte ;).

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