Das Lehrerzimmer

Das Lehrerzimmer.  Das ist doch in jeder Schule der schönste Ort. Als Schüler darf man dort nicht rein. Darf höchstens an der Tür stehen und irgendwelche wichtigen Dokumente reinreichen. Mit ernstem Gesicht, geben sie uns ihre Hausaufgaben, Hefter oder Atteste, als wären es Todesanzeigen: „Frau Freitag, können Sie das bitte bei Frau Blahblahblah ins Fach legen?“ Dabei lehnen sie sich möglichst weit in den Raum hinein, um dabei möglichst viel von der Leherzimmerszene mitzukriegen. Diesen, für sie verbotenen Raum, wo es von Lehrkräften nur so wimmelt, vor Lehrern und Lehrerinnen, die dort rum sitzen, vorm schwarzen Brett oder am Kopierer stehen, selbst geschmierte Pausenbrote essen, Kaffee trinken, nicht rauchen und die ganze Zeit reden und viel lachen. Auf die Schüler wirkt der Lehrer im Lehrerzimmer anders, neu, unbekannt, ja geradezu unheimlich menschlich und dadurch umso skuriler. Was geht da ab? Was machen die da? Sie sind dort irgendwie zu entspannt. Aber wovon der Schüler nichts ahnt, sind die unausgesprochenen Verhaltensregeln, im Lehrerzimmer.

Das fängt schon morgens vor der ersten Stunde an. Wer ist zuerst da? In jedem Kollegium gibt es die Sehrfrüherscheiner, die Danneintrudeler und die Aufdeletzendrückerkommer. Da ich zur ersten Fraktion gehöre, kann ich die Ankunft der anderen Gruppen immer genau verfolgen. Wir Sehrfrüherscheiner haben unsere Seht-wie-organisiert-ich-bin Routine. Die geht so: Gang zum Fach, alles rausnehmen, sofort sortieren und ein „muss ja muss ja“  Stöhnen, dann der Blick auf den Vertretungsplan. Ein geheucheltes: „Ach Frau Soundso fehlt ja immer noch. Muss ja doch was Ernsteres sein.“, dabei noch lustige Sprüche der Kollegen kommentieren, wie etwa: „Na, heute Hitzefrei?“ oder „Steh’ich nicht drauf? Na dann kann ich ja gehen…“  Diese Sprüche kommen vor allem von den Danneintrudlern, denn die geben sich betont lässig und die Sehrfrüherscheiner sind damit beschäftigt, sich zu organisieren, denn sie gehören ja automatisch zu den Ichhaballesimgrifflern. Ihre Aufgabe ist es auf die Sprüche etwas wie „Er nun wieder.“ oder „Herr Sowieso – du hier und nicht in Hollywood?“  zu erwidern. Die Danneintrudler gehen auch nicht zu ihren Fächern, sondern holen sich erst mal einen Kaffee und berichten lautstark aus ihrem spannenden Privatleben, denn sie wollen sicher gehen, dass man sie als Ichkönnteauchwasganzanderesmacher wahrnimmt. Und kurz vorm Klingeln oder auch später erscheinen die Aufdenletzendrückerkommer. Abgehetzt hechelnd stürzen sie nur durchs Lehrzimmer, um hinten wieder raus zum Unterricht zu rennen. Immer Hefter, Bücher oder sonst was im Arm, während sie alle Fragen mit: „Tut mir leid ich hab grad‘ gar keine Zeit“ abwehren. Sie haben nie Zeit, sie vermitteln einem den ganzen Tag das Gefühl, dass sie irgendwie mehr Stunden unterrichten, als man selbst. Sie klagen und jammern am meisten. Leiden ist ihr Ding. Von ihnen hört man viel über „die da oben“. Um 8.10 Uhr sind alle weg, außer ein paar Sehrfrüherscheinern, die erst zur zweiten Stunde haben und deren Bewegungen sich nun so sehr verlangsamen, dass man fast meinen könnte, sie seien erstarrt. Sie schleichen von ihrem Fach zum Kopierer, zurück zum schwarzen Brett, lesen dort alles ganz genau durch: “Das kann ich hier doch abmachen, oder? Die Gesamtkonferenz war ja schon vor zwei Wochen.“

In den Pausen füllt sich die Lehrerlounge wieder mit Leben. Und jetzt greifen die ungeschriebenen Gesetze der nicht-aber-irgendwie-doch-festgelegten Sitzordnung an den zu wenigen Tischen. Für neue Kollegen ein Spießroutenlauf, ein Fettnäpfchen-Slalom aller erster Güte. Für alle anderen ein zu Hause, ein Ort des Lebens in all seinen Facetten.

Ich liebe es dort so sehr, dass ich auch nach Unterrichtsschluss genrne noch stundenlang dort abhänge. Es ist Cafe, Club und Wohnzimmer zugleich. Ich denke ernsthaft darüber nach, mir in meiner Wohnung ein eigenes Lehrerzimmer einzurichten.

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4 Gedanken zu “Das Lehrerzimmer

  1. Guten Morgen, Frau Freitag!
    keine Schule heute, juchuuuuu! Aber Lehrerblog lesen- bisschen schitzo!
    Ich habe gerade deine Einteilung der Lehrkörper gelesen und muss fest stellen, ich gehöre zur ersten Gruppe, der Viel-zu-früh-kommer! Allerdings gehen ich NIE gleich an mein Fach, sondern stürze noch in Hut und Mantel, den Fahradschlüssel noch in der Hand an den Computer, um e-mails, die ich an mich selber geschrieben habe, abzufragen. Ich bin nämlich abends zu faul noch meinen usbstick zu suchen und den Schrott abzuspeichern. Dann schicke ich ihn mir und kann ihn gleich ausdrucken, was mein Kopierkontingent schont. Dann sinke ich auf meinen Platz und stiere dumpf vor mich hin, weil es einfach zu früh ist, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Natürlich verlässt mich auch in diesen Momenten mein überaus geschärfter Beobachtungssinn nicht und ich registriere genau das Verhalten der nun langsam einfallenden KollegInnen. Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Danneintrudler beim Reinkommen gerne aufmunternd die Zahl der verbleibenden Schultage bis zu den Ferienin in den Raum werfen? Die Aufdenletztendrücker-kommenden sprechen gerne mit vollem Mund, weil sich zuviele Tätigkeiten übereinander schieben, wenn man so spät kommt.
    Ja, das Lehrerzimmer ist ein Hort vielfältiger Freuden und „am schönsten
    wäre es, wenn wir hier alle zusammen mal übernachen könnten“…..sagt Frau M. immer……..Geschmacksache, sagte der Affe und biss in ein Stück Seife…..
    Tschööööööööö mit ö, Frl. Krise

  2. Oh ja, Teacher’s Lounge in deiner Wohnung, Frau Freitag! Und da dann gemeinsames Handarbeiten (!) und Therapiesitzungen für Opferlehrer und Referendare, ok?!

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