Der schönste Beruf der Welt

Jeden Dienstag und jeden Samstag treffe ich mich mit meiner besten Freundin und wir versuchen durch gezielte Torturen unsere alternden Körper vor dem Verfall zu bewahren. Diese Tage sind so derartig routiniert strukturiert, dass mich die kleinste Abweichung unserer Gewohnheiten aus der Fassung bringt. Wir duschen zusammen und ziehen uns an. Ich bin jedesmal früher fertig, gehe schon mal raus und warte.  Dann schleppen wir uns in ein Cafe und analysieren unseren Alltag. Der nicht spannender sein könnte, denn wir üben beide den schönsten Beruf aus, den es gibt. Wir sind beide Lehrerinnen und wir bedauern jeden der nicht Lehrerin sein kann. Früher, als ich noch studierte, bin ich abends Tanzen gegangen oder auf Partys, immer in der Hoffnung, dass etwas Großes, etwas Aufregendes passieren wird. Und obwohl eigentlich selten etwas Außergewöhnliches geschah stand ich jeden Freitagabend wieder im Badezimmer und bereitete mich auf das Wochenende vor. Das brauche ich jetzt nicht mehr. Die Wochenenden verbringe ich horizontal auf meiner Couch und bin froh, wenn die Filme im Fernsehen möglichst ereignislos und vorhersehbar sind. Discos und Wochenendtrips gibt es für mich nicht mehr. Partys sage ich regelmäßig ab, denn mein Bedarf an Action ist am Freitagnachmittag bereits gedeckt. Ich bin Lehrerin und ich kann nur jedem, der sich nach einem Action-Alltag sehnt raten,  auch in der Schule zu arbeiten. Dort tobt das Leben.  Dort passiert an einem Vormittag mehr als an allen meinen jugendlichen Wochenenden zusammen. Hätten wir Musik im Klassenraum käme jede Unterrichtsstunde einer Tanzveranstaltung in einer Großraumdisco zwischen 2 und 4 Uhr am Samstagmorgen nahe. Die Vormittage sind ein Extrakt des Lebens, in dem sich alles wiederfindet: Freund- und Feindschaft, Liebesdramen, Eifersucht, Hass, Ein- An- Aussichtslosigkeit, Gemeinschaft, Einschluss, Ausschluss, Mobbing, alle Arten geistiger Verwirrung, Sympa- , Empa- und Antipathien, hier entstehen Modetrends, seelisches und körperliches Leiden werden durchlebt, hier kann sich jeder jeden Tag neu erfinden,  und mittendrin ich und mein Versuch von Unterricht. Mehr Action kann ein einzelner Mensch gar nicht verarbeiten.

Und deshalb appeliere ich an dieser Stelle noch einmal: Ihr erlebnishungrigen Extremsportler, vergeßt den Nordpol und den Mount Everest, hört auf euch mit Rasierklingen zu ritzen, wenn ihr Action braucht und euch mal so richtig spüren wollt, dann kommt und arbeitet in der Schule.  Am Ende werdet ihr sagen: Na langweilig war’s nie und leben konnte man davon auch.

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16 Gedanken zu “Der schönste Beruf der Welt

  1. Na, wenn das kein viel versprechender Anfang ist…
    Sehr schön, ich bin gleich ganz dabei und will mehr von diesem Extrem-Alltag wissen….
    Auch das Bild finde ich sehr passend…
    Vielleicht sollte der Blog aber auch Frau Freitag und Frau Dienstag heißen, dann könntest du die Erlebnisse deiner Freundin auch noch verarbeiten..
    WEITER SO!
    gruß
    tim

  2. Jes.

    Na bitte, endlich gehts hier loooooos. Frau Freitag ist eine prima Figur und echt zu beneiden. So ein toller Beruf. Ich bin versucht aus meinen eigenen Erfahrungen ein Lied zu komponieren: „Mit deinem nutzlosen Job verdienste viel, darum rennste immer hin da … Ick dagegen: arbeite mit Kinder“ oder dergl.

    Na denn viel Spaß beim Schreiben, ich freue mich aufs Lesen,

    Dein Frank

  3. Ahhhhh,da isser ja endlich, der blog für Germanys next top teacher…..da bin ich dabei, dat is prima, prima Colonia ….- upps, jetzt war ich kurz im falschen Bundesland.
    Fraufreitag, ich gratuliere Sie und bin hoch erfreut, dass wir uns jetzt auch auf diesem Wege über unser aufregendes und aufreibendes Leben in der Schule unterhalten können……andere Themen kennen wir ja leider nich mehr…*seufz. Dabei soll es ja noch ein Leben nach dem unterricht geben, bloß….wo isses ?
    Morgen, am Montag geht der Spaß schon wieder los….hach, ich kann es kaum erwarten! Viel Spaß für dich und Tim! ( Und Frank auch natürlich auch beim Komponieren!)

  4. Also bei sonem actionreichen alltag braucht der alternde Körper (vllt auch geist) von frau freitag (und frau dienstag) doch garkeine geplanten, durchstrukturierten Torturen mehr;)
    ich bin gespannt die geschichten von deinen kleinen gangstern zu hören. diebstahl von klassenbücher, lehrerschlüsseln, waffenbesitz und taschendurchsuchungen usw, usw.
    freu mich auf mehr…..

    LG Kristof

  5. This is so right! You wait all your life for IT to happen, and while you wait, you miss IT. You got IT !!!
    Und Frau Krise Mrs Tuesday ??
    We want more !
    Reto and his subconscious perception

  6. stimmt alles. gut formuliert und getroffen. mit dem vielen (teenie-/kinder-)leben wird mir das allerdings langsam ein bisschen zu viel. ich glaub, im sommer 2010 werd ich davon erstmal genug haben und wieder in mein eigenes leben zurückkehren. oder kann man das auch schon während des lehrerdaseins gleichzeitig machen? dann verrat mir mal den trick bzw. die arbeitschritte dorthin!!!

    bei 70-80% vom erwähnten, beschriebenen schulleben, was sich so alltäglich über mich ergießt, denke ich: non of my business.
    mal sehen, was sich da machen lässt, damit ich der kompletten entfremdung entrinne und stattdessen mehr mich und meine wirklichkeit draus konstruieren kann.

    ichfrag mich oft, ob das alles ein großes, extra arrantgiertes theaterstück ist, in dem ich und vielleicht noch ein paar andere auf irgendwas getestet werden sollen. wirkt sehr wie fassade und unecht und neben-/spielwelt. so wie ein billiger versuch, mir mein glück und meine gesundheit zu verderben.
    …naja, meine schule ist ja auch offiziell eine theaterschule.
    …und ich bin ja auch noch ein kleiner (anfänger-)vogel.

    jedenfalls ist es sehr schön und auch erbaulich zu lesen, dass du ihn für den besten beruf hälst.
    weiter so!

    • vielen dank, für den netten Kommentar. aber wann bist du denn aufgestanden? oder bist du gar nicht ins bett gegangen. ich habe endlich aml länger als bis 6 uhr geschlafen.
      zu deinem -wie du dich gerade fühlst – ich kann dich so gut verstehen und ich erinnere mich so genau daran. ich hätte die zeit auch nicht so gut durchgestanden, wenn ich nicht meine freundin (nennen wir sie hier mal frau dienstag bei der vereidigung kennengelernt hätte. wir haben zusammen die schule und den bezirk gewechselt und uns regelmäßig getroffen und sehr sehr viel austausch betrieben (mir machen das ja wie gesagt immer noch) und das hilft total. Wenn man über den ganzen mist reden und vor allem irgendwann lachen kann.
      Das mit dem theaterstückvergleich stimmt. Ich finde immer noch, dass ich die Lehrerin spiele und die schüler spielen die schüler und sogar die eltern spielen die eltern. Oft könnt ich mich immer noch bepfeifen bei dem gedanken, dass ich lehrerin bin. und jeder verhält sich so ganz speziefisch und typisch. und ich empfinde die schule gar nicht wie die realität, sondern wie eine hyperrealität. Ein ort wo alles irgendwie zu so einem realitätsextrakt wird – denn meine welt ist nie so extrem und reglementierend und eng und bescheuert, wie dieses Schulsystem. Es ist wie die Lindenstraße, so eine frustrierende realität wie bei denen gibt es ja auch nicht – so schlecht wie denen geht es doch niemandem andauernd.
      ja, und im referndariat wollen die dich erstmal fertig machen. Und die wollen deine belastbarkeit testen – aber keine angst, wie gesagt wird es später gar nicht so hart. ich hatte eine seminarleiterin, die war wie sauron, von herr der ringe, die hat mich so fertig gemacht, ich habe von ostern bis in den herbst nur noch geheult und mein selbstbewußtsein war total am boden. Blöde Votze – sorry, aber ich könnte immer noch kotzen, wenn ich an die denke und ich warte auf den tag wo ich sie noch mal sehe und dann wird meine rache aber heftig, dann wird die mal hören, was ich von ihr halte. denn das ist ja wohl auch noch schlimm – diese Ohnmacht und diese extreme abhängigkeit von diesen Bewertern. Wie in einer diktatur.
      aber ich schwöre (alter) das hört auch wieder auf. Kurz vor der prüfung wird nochmal eine extreme bocklosigkeit auf dich zukommen, da muss man auch nochmal durch – und nach der arbeit – spätestens wenn die neuen referendare in die seminare kommen, dann durchschaut man das ganze falsche bescheuerte spiel dieses referendariats besser und versteht auch die bescheuerten spielregeln besser. dann fangen die seminarleiter nämlich an sich zu wiederhoeln und dann erkennt man auch deren macken sehr genau. Und man selbster spiegelt sich in den neuen und sieht, wie abgeklärt man plötzlich ist und wie weit auch schon und dann wird man wieder mehr man selbst. und wenn du fertig bist – dann sowieso. und wenn du dann richtig arbeitest – dann ist das alles sowieso nochmal anders, weil das dann überhaupt nicht mehr so an die psyche geht, weil dich niemand mehr überprüft. (und dann, und dann, und dann…)
      also lieber kleiner fogel, hang in there! bald haste die hälfte rum und dann geht’s schnell und die schule braucht gute leute, guck dich mal in den seminaren um, also bei mir waren nur sehr wenige leute dabei, mit denen ich mich auch privat hätte abgeben wollen.

      und jetzt erstmal das wochenende genießen und wahrscheinlich noch ein wenig unterrichtsvorbereitung, oder?
      bis bald hoffentlich, lass wieder von dir hören, würde mich sehr freuen.
      liebe grüße
      frau freitag

      pS: und das beste: die Party, wenn du fertig bist. Wir haben hier so eine meaga party gehabt. Denn wenn das ende der tortur nicht mal ein richtig guter grund zum feiern ist, dann weiß ich auch nicht. also stell schonmal das bier kalt. und vergiss nicht uns einzuladen 🙂

      • „diese Ohnmacht und diese extreme abhängigkeit von diesen Bewertern. Wie in einer diktatur.“

        Dann wissen Sie ja wie es Ihren Schülern mit Ihnen ergeht.

  7. vielen dank für die hilfreichen worte, frau freitag! manches kommt mir echt wie ein wertvoller insider-/leidengenossen-rat vor. echt mal wieder gut zu wissen und merken, dass ich mit dem geschwurbel nicht alleine bin.
    viel von dem ausbilde-/lehr-schauspiel hab ich auch schon durchschaut und bin froh, dass hier bestätigend zu lesen.

    ich glaub, ich könnte den lehrerjob ganz gut, bin aber etwas unentschlossen und muss erst noch auf die tiefsten bauchgefühle und -weissagungen hören. bis zum ende vom ref. wird’s wohl mal wieder viele einfach-durchzieh-phasen in meinem Leben geben – ohne drüber nachzudenken, ob das jetzt gut oder schlecht für mich ist. ich merke zwar, dass das ganze extrem kraft frisst und an meiner person nagt, aber das kann ich überstehen. viele andere haben’s ja auch überstanden.

    ich hab mich noch nie so oft so fern von allem gefühlt, was ich wirklich bin und kann und will, wie in den letzten monaten. das ist echt extremsport und dann gleichzeitig auch sehr, sehr viel selbst-fühlung.

    zum glück hab auch ich so ein paar kollegen zum (scheiße) reden, dampf ablassen und sich luft machen.

    lose pläne für die after-shit-party hab ich auch schon – auf die idee, das jetzt schon zu planen / träumen, kam ich sogar selbst… der auto-motivationstrick, sich die schönsten belohnungen der welt am ende des tunnels zu erdenken 😉
    ich bin da wie die maus im experiment, die im wasserbecken immer weiter schwimmt, weil sie auf die leiter hofft, die im vorlauf-experiment im becken hing.

    ich wünschte, ich hätte auch mehr kreativität für die UE zu meiner Examensarbeit. Das ist eine Riesenpuzzelei und meist noch ziemlich langweilig. Das wird sicher besser, wenn ich ins Thema (etwas mit üppig sprießenden Bohnen und Kresse) so richtig hineingetaucht sein werde. Ich komm mir fast schon faul vor, so blockiert wie ich dabei manchmal bin. Aber ich werde mich selbst irgendwie dafür enthusiasmieren (gibt’s das?), also richtig dafür begeistern. und wenn man diese begeisterung hat, kann man das projekt (und jede U-Std.) wohl auch den Kindern und Prüfern gut verkaufen.

    Ich würde mich auch freuen, wieder Blogs und Kommentare zu lesen. Meine Adresse und den Kint-Link hast Du ja.

    Many thank you very much u. viele liebe grüße,
    dein lieber herr bommel
    (so nennen mich einige i-schüler, nachdem ich im winter eine plümmelmütze trug)

  8. aufgestanden bin ich übrigens wie immer – so zwischen 6 und 7. mein zimmer ist recht hell, nach osten und ein bisschen toskanisch. ich mag frühe morgende und zögere, meine rollos anzuschrauben und vor die fenster zu hängen.
    mit seminarleiterhass und tränen ist’s bei mir noch nicht so schlimm wie bei dir früher. ich bin aber auch ein typ, der oft runterschluckt, die fresse hält und dann beim musikmachen oder nachdenken und reden den kram später verdaut und wieder los wird.
    ich wünschte, man könnte aggressionen und frust in kleinen braunen würsten oder über die haut ausscheiden, und dass man sich wegbeamen und manche schüler mit infraschallpistolen für 2 minuten lahmlegen könnte.

    • hang in there, kopf hoch, wird schon, ja, das referendariat nervt toootal – nur blasenentzündung ist noch ätzender. Und was später kommt…darum kümmerst du dich später. wie gesagt, wird besser dann – viel besser und natürlich verdienst du dann auch viel mehr $$$$$ und die ferien und wende willst wirst du so ein schonlehrer, der sich immer schont und nicht zuviel macht. geht ja auch. so, ich habe für heute genug gemacht, ich will jetzt mal raus und so tun, als hätte ich auch noch privatleben.
      geh mal auch noch raus. aber um 20 uhr wieder rein!
      bis bald
      frau freitag
      ps: ich freu‘ mich schon auf den feindkontakt morgen, seit ich den block habe warte ich ja täglich auf was richtig krasses, aber momentan läuft ja alles ganz gut. naja, beklagen will ich mich mal lieber nicht darüber.

  9. war grad schon draussen. was essen. karneval der kulturen ist, wenn sich alle auf zu engem raum ungünstig bei schwülem wetter bewegen, bis es gewittert.
    jetzt wieder schicht. um 20 h dann aber wieder raus und mit öhi im üraum. wieso, meinst du, sollte ich da wieder reingehn? wg. „das parfum“ im tv? hab ich schon gesehen.
    mann, bei dem vielen schriftverkehr glaube ich fast, es wäre besser via skype oder so zu schreiben. kleine zettelchen unterm tisch bzw. quer durchs klassenzimmer.
    schonlehrer würde bei mir nicht klappen, glaube ich. da würde ich mir vorwürfe machen und das wäre mir zu halbherzig – jedenfalls so aus der ferne betrachtet. mal sehen.
    du hast recht: erst mal auf die zeit VOR den ganzen prüfungen konzentrieren.

  10. Frau Karin Wolf??????!!!!!!!!!?????
    Kann es sein? Ich wage es kaum zu denken……
    Sind Sie die kultuministerin, unter der ich lange jahre in hessen „dienen“ durfte….?
    Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen……

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