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Und immer wieder herrlich diese Fachliteratur

Mai 30, 2009

Ich lese gerade das Buch „Lob der Schule – sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern“ (Nur sieben! – Mehr gibt’s nicht! Ich bezweifle, dass irgendein Schüler dieses Buch liest, also bekommen die Lehrer und Eltern jeweils 3,5 Perspektiven.) Das Buch scheint irgendwie eine Antwort auf „Das Lob der Disziplin“ zu sein. Das Disziplinbuch habe ich nicht gelesen, aber ich werde hier trotzdem mal eine kurze Rezension liefern. Naja, was soll da schon drin stehen? Disziplin ist gut/besser als sein Ruf, und gerade heute und die  Eltern und keine Grenzen setzen und der Medienkonsum und Counterstrike, schlechte Ernährung und Erfurt und deshalb ruhig mal wieder eine scheuern.

Aber da wir das in der Schule ja nicht dürfen – also als Lehrer jedenfalls nicht – geht man den Umweg über Disziplin. Struktur und Ordnung, Regeln, Grenzen, ruhig mal einen ordentlichen Hefter einfordern, auch mal Stillsitzen usw. Ich frage mich allerdings, mit welchen Disziplinlosigkeiten sich Herr Bueb als Direktor des Internats Salem hat rumschlagen müssen, bis ihm der Kragen platzte und er deshalb sein Buch schrieb. Oder beschreibt er nur, warum in Salem alles so toll läuft? Hätte das Buch nicht auch „Lob der teuren Privatschule“ heißen können? Vielleicht  liege ich aber auch völlig falsch und der Titel „Lob der Disziplin“ ist pure Ironie und Herr Bueb beschreibt seinen verzweifelten Versuch, aus Salem ein zweites Summerhill zu machen.

Zurück zu „Lob der Schule“ hier beschreibt jemand, der selbst nicht Lehrer ist, mal wieder wie Schule und der perfekte Lehrer sein sollten. Ach, ich liebe dieses ‚Schule’ ohne Artikel. Ein wohliger Pädagogenschauer läuft mir den Rücken hinunter, wenn ich Titel lesen wie: Schule neu denken. In Schule klarkommen. In Schule arbeiten – ich bleiben. Den türkisch migrierten Schülern schlage ich ihre Aufsätze um die Ohren, wenn die mal wieder vergessen, dass es im Deutschen Artikel oder Präpositionen gibt oder sagen: „Ich war Cafeteria.“ Aber in Fachtexten verweißt ein freistehendes „in Schule“ auf den echten Insiderblick.

Jedenfalls die berühmte Lehrerpersönlichkeit: Gerecht, humorvoll, zugewandt, authentisch usw. Der Autor verrät sogar 12 Tipps zum Auftreten des Lehrers: z.B. Sei nett, aber nicht anbiedernd. Was soll das heißen? Freundlich grüßen, aber nicht am Joint ziehen? Oder: Prüfen Sie, ob sie Freude am Leben haben und das auch auf der Arbeit zeigen „dürfen“. Was soll das heißen? Wenn ich mal nicht gut drauf bin, darf ich nicht unterrichten? Wo stand denn in meiner Arbeitsplatzbeschreibung, dass ich nur eingestellt werden kann, wenn ich das Leben liebe? Klar, schön wäre es, wenn es in Schule nur glückliche Lehrende gäbe. Aber irgendwie sieht der Alltag doch anders aus. Und ehrlich gesagt kann selbst ich, die fast täglich auf der manischen Welle ihrer Depression reitet nicht immer nur lächeln. Und wenn man mal einen echt miesen Tag hatte, warum kann dann nicht das Gebot der Authentizität greifen? Kann ich mich dann nicht mal so richtig authentisch auskotzen, so voll zugewandt, den Schülern meine schlechte Laune, die ich durch ihr undiszipliniertes Verhalten bekommen habe so ganz gerecht über den Kopf gießen? Das wäre in jedem Fall schülerrelevant und adressatenbezogen. Und wenn ich später darüber lachen kann, dann kommt doch auch der Humor nicht zu kurz.


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