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So klappt’s auch in der Schule!

Juni 21, 2009

Okay, was soll sein, ich verrate jetzt den Trick, wie man alle Problem in der Schule lösen kann. Alle? Ja, alle! Und zwar nicht nur Schwierigkeiten mit Schülern, sondern auch jegliche Dispute mit Kollegen und Vorgesetzten. Frührente, werden einige jetzt sicher denken. Berufsunfähigkeit…Versetzung ins Schulamt…Beförderung …Tod.

Nein, nein, nein. Alles falsch. Die Zauberwaffe zur allgemeinen Glückseligkeit im Hort des Lernens heißt: Paradoxe Intervention.

„Weiß jemand, was das ist? Hat jemand davon schon mal etwas gehört? Was könnte das denn sein…?“ Ich erspare uns an dieser Stelle die entwickelnde Frage-Antwort-Tortur und komme gleich zur Sache.

Paradoxe Intervention heißt, du verhältst dich ganz anders als erwartet. Das ist toll, das macht Spaß und nebenbei lösen sich alle Probleme in Luft auf. Mit ein bisschen Übung kann das jeder. Man muss lediglich sein Pädagogenhirn auf Normalermenschenverstand umprogrammieren und alles vergessen, was man in der Uni gelernt und in der Fachliteratur gelesen hat. Die Meisterin, ach was sage ich, die Königin der Paradoxen Intervention ist Frl. Krise. Sie kann so paradox intervenieren, dass sie beim Fleischer Brot bestellt.

„Kann ich bitte die Fahrzeugpapiere sehen, gnädige Frau?“ „Ach wissen Sie ich brauche erstmal die Speisekarte, aber bringen Sie mir doch schon mal einen Cappuccino und ein Mineralwasser, bitte.“ Das wäre jetzt eine zu weit geführte P-Intervention. Lustig, aber wenig alltagstauglich, da man nach einiger Zeit eher in der Klapse, als in der Zufriedenheit landen würde. Die Reaktionen müssen schon in die Situation passen.

Ein schönes Beispiel vom letzten Freitag. Ich habe Pausenaufsicht auf dem großen Hof. Zehn Meter entfernt von mir zwei Siebtklässler, einer lacht, der anderen im Schwitzkasten. Ich: „Lass ihn mal los.“ Der Aggressor:“ Is’ nur Spaß.“ Die normale Pädagogenreaktion: „Ja, für dich vielleicht, aber nicht für ihn. Ihr wisst, dass wir hier keine Gewalt dulden und blah blah blah.“ Der Junge würde den anderen loslassen und wenn ich weg wäre weitermachen. Jetzt die P-Intervention. “Lass ihn mal los. Es ist doch langweilig, immer nur zu testen, wer von euch stärker ist. Wer ist denn schlauer? Wie viel ist 3+7?“ Sofort sagt einer 10. Garantiert! Und jetzt sofort weitermachen: „Welche Sprache spricht man in Australien? Welches Land ist größer – Dänemark oder China?“ Die Fragen dürfen nicht zu schwer sein. Es wird sich eine Traube von Schülern  bilden, die alle mitmachen wollen. Irgendwann sagt man dann zu einem Zuschauer: „So, du übernimmst jetzt die Fragen.“ Das funktionierte garantiert.

Die Klasse arbeitet nicht mit, seit Wochen schon. Du regst dich auf. Hast alles versucht. Nichts hat geholfen. Du bist am Ende. Kannst nicht mehr, schreist die Klasse an, brichst den Unterricht ab, sitzt am Pult und starrst sie an bis es klingelt. So erging es Frl. Krise mit einer Zehnten Klasse. Zu Hause hatte sie dann eine grandiose Idee. Ein Meisterstreich der P-Intervention – sie ist und bleibt halt die Beste auf diesem Gebiet. In der nächsten Stunde geht sie in die Klasse. Freundlich und nett. Wartet, bis es einigermaßen ruhig ist und sagt dann – ich hoffe ich gebe es jetzt richtig wieder: „Ich möchte mich bei euch entschuldigen.“ Kurze Pause. Die Schüler werden aufmerksam. „Ich möchte mich bei jedem einzelnen von euch entschuldigen. Ich verlange hier, dass ihr euch am Unterricht beteiligt, dabei befindet ihr euch in einer sehr krisenhaften Situation. Ihr habt bald die Zehnte Klasse beendet und wisst noch gar nicht, was ihr dann machen werdet. Rainer, du z.B. wiederholst ja jetzt das Schuljahr, weil du den Realschulabschluss wolltest, und nun hast du das wieder nicht geschafft, ich versteh, dass du da frustriert bist. Christine, du wolltest in die gymnasiale Oberstufe, das klappt jetzt nicht, und ich meckere noch ständig an dir rum….“ Das hat sie die ganze Stunde lang gemacht. Aber nicht ironisch oder gemein. Man darf das jetzt nicht mit dem berühmten“ Ich bekomme mein Geld auch, wenn ihr nicht mitmacht“-Zynismus verwechseln. Die Ironie-Leier kennen die Schüler genauso gut wie das Pädagogen-Geseier. Frl. Krise hatte jedenfalls den vollen Erfolg. Am Ende der Stunde sagte sogar einer: „Aber Frl. Krise, Sie entschuldigen sich bei uns, dabei  müssten wir uns doch eigentlich bei Ihnen entschuldigen.“

Nicht einfach den Toilettengang in der Stunde verbieten, sondern auf „Ich mach mir aber sonst in die Hose.“ antworten: „Das wollte ich schon immer mal erleben, ich spendiere dir in der Pause eine Cola, wenn du das wirklich  machst.“

Oder zu den breitbeinig dasitzenden Machokipplern in der letzten Reihe ein freundliches: „Wenn die Herren mit der Hodenentzündung auch mitmachen könnten…“

Zu den Kollegen, die sich über deine Schüler beklagen: „Der Soundso hat sich wieder total daneben benommen. Der hat in der letzten Stunde…“ Ein “Ja, das ist ja wirklich unglaublich. Ich finde den auch unmöglich. Schreib’ einen Tadel und vergiss nicht, den im Schülerbogen abzuheften.“

Wenn man einmal sein gesamtes inneres Lehrersystem auf Paradoxe Intervention umgestellt hat, unterricht es sich gleich viel einfacher. Man ist nicht so vorhersehbar für die Schüler, der Unterricht wird interessanter, lustiger, Konflikte entschärfen sich schnell und alles macht mehr Spaß.

Also, liebe Kollegen, wenn ihr das nicht sowieso schon praktiziert, dann probiert das gleich mal morgen aus. Frl. Krise wird in einigen Jahren ein Ratgeber-Buch dazu schreiben, in dem sie für jede nur erdenkliche Situation in Schule die passenden paradoxen Interventionsmöglichkeiten aufzeigen wird. Ein garantierter Bestseller.

Berichtet doch mal, wenn ihr erfolgreich paradox  interveniert habt, der Lehrer lernt doch nie aus und wir sind doch immer für gute Ideen zu haben.


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