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Der schönste Beruf der Welt

Mai 23, 2009

Jeden Dienstag und jeden Samstag treffe ich mich mit meiner besten Freundin und wir versuchen durch gezielte Torturen unsere alternden Körper vor dem Verfall zu bewahren. Diese Tage sind so derartig routiniert strukturiert, dass mich die kleinste Abweichung unserer Gewohnheiten aus der Fassung bringt. Wir duschen zusammen und ziehen uns an. Ich bin jedesmal früher fertig, gehe schon mal raus und warte.  Dann schleppen wir uns in ein Cafe und analysieren unseren Alltag. Der nicht spannender sein könnte, denn wir üben beide den schönsten Beruf aus, den es gibt. Wir sind beide Lehrerinnen und wir bedauern jeden der nicht Lehrerin sein kann. Früher, als ich noch studierte, bin ich abends Tanzen gegangen oder auf Partys, immer in der Hoffnung, dass etwas Großes, etwas Aufregendes passieren wird. Und obwohl eigentlich selten etwas Außergewöhnliches geschah stand ich jeden Freitagabend wieder im Badezimmer und bereitete mich auf das Wochenende vor. Das brauche ich jetzt nicht mehr. Die Wochenenden verbringe ich horizontal auf meiner Couch und bin froh, wenn die Filme im Fernsehen möglichst ereignislos und vorhersehbar sind. Discos und Wochenendtrips gibt es für mich nicht mehr. Partys sage ich regelmäßig ab, denn mein Bedarf an Action ist am Freitagnachmittag bereits gedeckt. Ich bin Lehrerin und ich kann nur jedem, der sich nach einem Action-Alltag sehnt raten,  auch in der Schule zu arbeiten. Dort tobt das Leben.  Dort passiert an einem Vormittag mehr als an allen meinen jugendlichen Wochenenden zusammen. Hätten wir Musik im Klassenraum käme jede Unterrichtsstunde einer Tanzveranstaltung in einer Großraumdisco zwischen 2 und 4 Uhr am Samstagmorgen nahe. Die Vormittage sind ein Extrakt des Lebens, in dem sich alles wiederfindet: Freund- und Feindschaft, Liebesdramen, Eifersucht, Hass, Ein- An- Aussichtslosigkeit, Gemeinschaft, Einschluss, Ausschluss, Mobbing, alle Arten geistiger Verwirrung, Sympa- , Empa- und Antipathien, hier entstehen Modetrends, seelisches und körperliches Leiden werden durchlebt, hier kann sich jeder jeden Tag neu erfinden,  und mittendrin ich und mein Versuch von Unterricht. Mehr Action kann ein einzelner Mensch gar nicht verarbeiten.

Und deshalb appeliere ich an dieser Stelle noch einmal: Ihr erlebnishungrigen Extremsportler, vergeßt den Nordpol und den Mount Everest, hört auf euch mit Rasierklingen zu ritzen, wenn ihr Action braucht und euch mal so richtig spüren wollt, dann kommt und arbeitet in der Schule.  Am Ende werdet ihr sagen: Na langweilig war’s nie und leben konnte man davon auch.


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