Archive for the ‘Frau F. auf einsamer Mission’ Category

Saturday night life

Dezember 18, 2010

Hannah bekommt eine Geschenkpackung “Vanille-Jasmin Dream-irgendwas” – Duschgel, Bodylotion noch so was und ein rosa Schwamm. Alles in einer schönen Packung. Für 5.45 Euro. Sieht super aus, lässt sich gut einpacken und überhaupt.

Obwohl ich ja dieses Jahr gar nichts mit Weihnachten zu tun haben wollte und deshalb extra seit September nicht mehr in einem Supermarkt war, hat mich dieser ganze Christmaskram doch fest am Wickel. Bin gerade vom Wichteln gekommen. Gibt es ein furchtbareres Wort als Wichteln?
Wichteln sagt man, wenn man eigentlich Julklapp meint. Nur man will irgendwie cooler sein und man verschenkt nichts Schönes, sondern Schrott. Wir sollten ein gutes und ein blödes Geschenk mitbringen. Der Freund hat mit diese Wichteleinladung eingebrockt und deshalb muss er sich auch um die Geschenke kümmern. Kinderfeuerwerk, eine Fantastische Vier Figur aus einem Happy Meal von McD, Smarties und Comics. Und – und hier hört der Spaß eigentlich auf – eine meiner geliebten 100 Watt Glühbirnen, die ich mir aus dem Urlaub in einem unökologischen Schwellenland mitgebracht habe. Schwer ranzukommen an die Dinger – hierzulande.
Jedenfalls wird gewichtelt und am Ende habe ich eigentlich doch ganz gute Sachen: Papst J.P.II – sein Leben, seine Zeit, sein Wirken – auf DVD, die super Kriegsfilm Collection – drei Filme auf einer DVD: High Sky Mission, Going back und Jäger der Apokalypse und was ganz Feines: das Rauschgift Quartett. Da erfährt selbst der größte Junky noch Wissenswertes. Also ich bin ganz zufrieden mit meinen Geschenken. Mein Freund hat nur eine Bernhard Brink Single bekommen.

Ich überlege ja, ob ich dem Ronnie nicht noch das Quartett zum Julklapp schenke. Der kennt sich zwar schon gut aus mit Tilidin, aber von den ganzen anderen Opiaten, Sedativa und Amphetaminen hat der doch noch gar keine Ahnung…

It gives children that gives not

Dezember 8, 2010


Gestern habe ich die Englischarbeiten meiner Klasse korrigiert. Ging schnell, da die meisten Schüler die beiden Schreibaufgaben gar nicht bearbeitet hatten. Langer roter Strich über die leeren Zeilen, eine kleine Null vor die /10P. Fertig. Mit jeder Arbeit, die ich zensiere werde ich wütender. “Warum lernen die nicht? Ich hatte alles, wirklich alles vorher angesagt. Zwei der Aufgaben haben wir sogar schon im Unterricht bearbeitet. Ich hatte ihnen immer wieder gesagt: “Diese Aufgabe kommt auf jeden Fall in der Arbeit vor.”

Und dann – am Tag der Arbeit – “Häääähhh? Arbeit? Heute? Ich dachte morgen.” “Morgen haben wir gar kein Englisch.” Bei einer Arbeit schreibe ich unter einen Schülertext: Du MUSST mehr lernen, das ist schon fast kein Englisch mehr. Ich erhalte viel direct oversetting: “It gives childrens she will become money.” Dazu kann ich nur sagen: “I think I spider! Have she not anything learnt from me??? I become money and it gives childrens she learn not English. I know not what I must do?”

Morgen will ich die Arbeit zurück gegen. Die Arbeit ist das letzte Puzzelstück ihrer Halbjahresnote. Wir haben noch drei, vier Stunden, bevor ich die Zensuren für die Zeugnisse abgeben muss, aber eigentlich ist alles gelaufen in Sachen: Ich schwöre ich verbessere mich, Sie werden sehen. Jetzt gibt es nichts mehr zu verbessern. Die meisten Schüler werden eine vier oder sogar eine fünf auf dem Zeugnis haben.

Um den Realschulabschluss zu erhalten brauchen sie aber eine Drei. Und wenn sie im Halbjahr eine Fünf (4Punkte) haben, dann brauchen sie im zweiten Halbjahr eine Zwei (10 Punkte) und auf die Drei (7Punkte) zu kommen. Eigentlich eine sehr einfache Rechnung. Die Schüler, die jetzt eine Fünf bekommen werden, werden niemals eine Zwei im zweiten Halbjahr bekommen. Genauso wenig werden sie die erhalten, wie ich im Lotto gewinnen werde. Denn ich spiele gar nicht und sie lernen gar nicht.

Nun habe ich lange überlegt, was ich beim Zurückgeben der Arbeiten sage. In meiner ganzen Wut, die ich wegen ihrer Faulheit empfand hatte ich mir schon die wildesten Ansprachen überlegt. Dann ging es eher in so ein mitleidiges: Was soll ich nur machen… warum lernt ihr nicht? – Gejammer. Dann dachte ich, dass ich sie frage, wie ich denn den Unterricht gestalten soll, damit sie was tun. Was passieren muss, damit sie anfangen Hausaufgaben zu machen und sich regelmäßig im Unterricht zu beteiligen?

Und dann lese ich den Eintrag von Frl. Krise gestern und rege mich wieder auf. Über ihre Klasse, über meine Klasse, über das ganze Schulsystem. Wütend rufe ich Frl. Krise an und frage sie, was ich meinen Schülern zu ihren schlechten Arbeiten sagen soll. Und sie wäre ja nicht King-Teacher, wenn sie nicht den perfekten Tipp hätte. “Du gibst die Arbeiten völlig emotionslos wieder. Hier eure Arbeiten. Packt sie bitte weg, wir fangen mit dem Unterricht an.” Klingt super. Die Frage ist nur, ob ich meine Wut und meinen Ärger unterdrücken kann. Aber Frl. Krise sagt: “Du gibst die Verantwortung an sie zurück. Wenn ihnen ihre Noten egal sind, dann sind sie dir eben auch egal.”

Klingt einleuchtend. Es kann ja wohl nicht angehen, dass ich mir tagelang den Kopf zermartere, wie ich denen den popligen Stoff der Arbeit darreiche und alles mit ihnen gemeinsam vor- und zurück kaue und die mir dann lapidar sagen: “Oh, die Arbeit, habe ich voll vergessen. Nö, gelernt habe ich nicht. Schreiben wir noch eine???”

NEIN WIR SCHREIBEN NICHT NOCH EINE! ES GIBT AUCH KEINE LETZTE CHANCE MEHR. DAS HIER WAR DIE LETZTE CHANCE. DIE IST JETZT WEG. UND HOFFT NICHT AUF DAS ZWEITE HALBJAHR. DA BRAUCHT IHR DANN EINE ZWEI. HALLLLLOOOO, EINE ZWEI!!! DIE MEISTEN VON EUCH HATTEN NOCH NIE IRGENDWO EINE ZWEI AUF DEM ZEUGNIS – AUßER VIELLEICHT IM GEBURTSDATUM!!!!!

Warum ich hier schreibe

Dezember 5, 2010


Also ehrlich gesagt, bin ich den zwei Herren – Evalusin und Lehrer Gerke dankbar für die kritischen Kommentare, denn sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Den ganzen Tag habe ich darüber gegrübelt, warum ich hier eigentlich täglich schreibe. Und ich will euch mal erzählen, wie das alles anfing:

Also, ich bin Lehrerin – wirklich!!!!! Wäre ich nur eine geschickte Boggerin, dann hätte ich mir wahrscheinlich einen anderen Beruf ausgesucht, über den ich schreiben würde. Und mal ehrlich – ich habe hier schon ein ziemliches Insiderwissen, das hat der Normalblogger nicht. (Werden mir die Lehrerleser bestätigen.)

Vor ein paar Jahren, als meine Klasse in der Achten war, stand ich kurz vorm Burn-Out. Die waren so anstrengend und wenn ich manchmal mehrere Stunden hintereinander bei denen hatte, dachte ich ich drehe durch. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen, hatte schon ein ständiges Pfeifen im Ohr, Stimmbandknoten und Augenzucken. Ich ging echt auf dem Zahnfleisch. Eines Tages dachte ich: Jetzt klappe ich zusammen und ging zur Schulleitung: “Schulleitung, ich kann nicht mehr. Ich drehe durch, ich bin kurz davor einem Schüler eine zu scheuern.” Ich wollte Hilfe. Man riet mir zu Yoga.

Ich ging neun Monate jeden Tag (ungelogen!!!) jeden Tag 90 Minuten Yoga machen. Es wurde etwas besser. Ich konnte besser schlafen und war recht gelenkig. Aber so richtig super fühlte ich mich noch nicht.
Jeden Tag passierten so viele Sachen in der Schule. Ich konnte nie gleich nach Hause gehen. Ich musste mir erst alles von der Seele quatschen, mir Rat und Zuspruch holen. Ich laberte und laberte. Alle musste dafür herhalten: Der Freund, der Deutschlehrer, Frau Dienstag und natürlich Frl. Krise.
Und ich schrieb emails. Wenn mich jemand fragte: Wie geht’s so? Dann schrieb ich, was in der Schule los war. Das tat gut. Ich fing an mehr zu schreiben und es war jedes Mal eine Erleichterung und machte mir Spaß.

Ich fing an zu erzählen, dass ich einen Blog/ein Blog schreiben möchte. Mein Freund richtete mir alle ein. Geschrieben habe ich dort ein Jahr nicht. Aber ich erzählte dauernd, dass ich ein/en Blog schreiben werde. Irgendwann sagte der Deutschlehrer: “Das wird langsam zur Lebenslüge.” Das saß und ich schrieb den ersten Eintrag.

Seitdem schreibe ich täglich. Oft, weil das Erlebte einfach aus mir raus muss. Das ist wie, wenn einem total schlecht ist und man weiss, dass man sich viel besser fühlt, wenn man sich übergibt. Oder wie ein Dampfkochtopf, wo man den Druck ablassen muss. Und es ging mir nie darum die Schüler irgendwie vorzuführen oder bloßzustellen, im Gegenteil, wenn ihr wüsstet, was ich alles NICHT schreibe. Oft erzähle ich Sachen, die passiert sind und sage sofort: “Schade, dass ich das nicht schreiben kann.” Es ging eigentlich immer darum, dass es mir besser geht. An Leser habe ich gar nicht gedacht. Es gibt ja auch keine Verlinkungen oder Schlagwörter. Woher die Leser kamen weiß ich gar nicht. Wie so was funktioniert – keine Ahnung. Plötzlich kamen ein paar und dann mehr und mehr. Der Impuls zu schreiben ist aber immer noch der, dass es raus muss. Jetzt bin ich natürlich nicht mehr so gestresst, wie damals. Also nicht mehr ständig.

Ich denke übrigens, dass meine Schüler genug Humor haben, das alles hier richtig einzuschätzen und sich nicht bloßgestellt zu fühlen. Die sind viel zu cool dafür. Das sind keine armen schutzlosen Opfertypen, die nichts abkönnen. Ist ja nicht so, dass ich im Unterricht so ganz anders mit denen umgehe. Wenn die was besonders Bescheuertes sagen, dann stelle ich sie doch auch sofort im Unterricht bloß und nicht erst hier im Blog. Die wissen schon, was ich von ihnen halte und die wissen vor allem, dass ich sie respektiere wie sie sind und dass ich sie mag. Und sie wissen auch, das sie mir oft auf die Nerven gehen. Und ich weiss, dass ich ihnen oft auf die Nerven gehe.

So. Ist doch eigentlich alles recht nachvollziehbar. Dieser Blog bewahrt mich vorm Burn-Out und euch davor meine Frührente zu zahlen.
Und wenn ich mal ein wenig drastisch werde, dann weil meine Berufsrealität eben auch drastisch ist. Ich finde, dass darf ich auch ruhig sein, denn ich gehe schließlich jeden Tag dort hin und stelle mich der Herausforderung. Und die, die auch täglich an der Front sind wissen, wie viel schwerer es ist ein guter Lehrer zu sein, als darüber zu schreiben, wie ein guter Lehrer sein sollte.
Und falls das noch nicht allen klar ist: Ich liebe meine Job und ich finde meine Schüler super!

Der gequälte Lehrer antwortet

Dezember 4, 2010


Endlich bekomme ich mal kritische Kommentare. Erst evalusin und nun Lehrer Gerke. Da ich heute gar nicht in der Schule war und ich auch bei facebook nichts gefunden habe, womit ich die Schüler mal wieder vorführen kann, möchte ich auf diesen Kommentar antworten.

Hallo, Frau Freitag,
Mert verhält sich halt wie ein Schüler, der sich nach Aufmerksamkeit sehnt und pubertär provokatorisch. Das lernt man in jedem Pädagogik-Proseminar.

Ich: Sorry, aber es ist mir völlig egal, warum sich Mert so verhält. Sein Verhalten stört einfach den Unterricht. Ich denke viel darüber nach, WARUM sich die Schüler so oder so verhalten. Noch nie hat mir die Erkenntnis des WARUM in irgendeiner Weise geholfen. Klar. Er sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Das tun die anderen 25 aber auch. Vielleicht hat er aber auch Stress zu Hause oder ein Furz sitzt schief. Was kann ich mit diesem Wissen anfangen? Ich muss doch reagieren und ich bin dafür verantwortlich, dass die anderen, die was lernen wollen auch was lernen können.

Kommentar:
In diesem Blog geht es aber auch gar nicht um Pädagogik, sondern darum, wie evolusin schon sagt, Schüler im Netz bloßzustellen und reißerisch und publikumswirksam Aufmerksamkeit das Spiel „armer Lehrer ständig von Schülern gequält“ zu spielen.
Ich: Genau. Nur darum geht es.

Kommentar:
Vielleicht aber ist Frau Freitag auch gar keine Lehrerin, sondern nur eine geschickte Bloggerin? Das wäre noch die beste Variante. Wenn alles nur erfunden wäre, wäre es eine Geschichte und niemand müsste Angst haben, dass es Schüler gibt, die ihren pädagogischen Bemühungen unterliegen. Nur dann sollten Sie die Leserschaft über Ihre eigentlichen Absichten in Kenntnis setzen.

Ich: Ertappt. Ich bin nur eine geschickte Bloggerin. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass sich Schüler so verhalten. So bescheuert, so abartig, so politisch unkorrekt, so antisemitisch, so dumm und hirnlos. Wer glaubt denn, dass es wirklich solche Schüler gibt? Das wäre doch schrecklich, wenn die auch nur ein winziger Teil unserer Gesellschaft wären. Und wenn es wirklich solche Schüler geben würde, dann sollte man sie doch nicht auch noch in der riesengroßen Netzöffentlichkeit bloßstellen. Also liebe Leser, ich gebe zu, alles ausgedacht. Aber ihr müsst auch zugeben, das ein oder andere Mal seid ihr mir auf den Leim gegangen. Gebt zu, ihr habt wirklich gedacht, dass es diesen Abdul und diesen Mert gibt. Aber so eine Lehrerin? So unpädagogisch – hallo – die hätte doch schon längst ihren Job verloren… An unseren Schulen arbeiten doch nicht solche gemeinen und zynischen Menschen wie diese Frau Freitag (by the way, bei diesem Frl. Krise würde ich auch mal genauer hingucken.)

Kommentar:
So wäre es mir möglich gewesen, die Umwelt wissen zu lassen, wie schrecklich es ist, traumatisierte Pflegekinder zu betreuen; es gäbe jeden Tag neue Gruseleien zu berichten. Stattdessen ist es aber meine Absicht, unter http://traumakinder.wordpress.com die Interessen dieser Kinder zu vertreten, und das gebe ich auch so an. Ich gebe auch an, dass ich kritisch mit den Ämtern ins Gericht gebe, so weiß jeder, worauf er sich einlässt.

Ich: Den Anfang verstehe ich gar nicht. Vielleicht doch mal ein paar Gruselgeschichten… ist auf jeden Fall publikumswirksam. Aber publikumswirksam ist auch, bei mir einen link zu setzen. Liebe Leser, geht mal alle auf diesen link und zu evalusine auch, die soll ja auch nicht ungelesen sterben.

Kommentar:
Evolusins Blog sehe ich dagegen als fachmännisch und ernsthaft. Deshalb werde ich ihn auch weiter lesen.

Ich: Ist Evolusin nicht eine Frau? Ich meine ja nur so weil hier fachmännisch steht. Und nee, meine Blog ist nicht fachmännisch und auch nicht ernsthaft. Weil ich auch kein ernster Fachmann bin. Klingt aber sehr spannend und ich wünsche noch viel Spaß oder viel Ernst beim Lesen. Und falls der letzte Satz heißt: Ich lese nur noch da und nicht mehr hier… schade. Aber ich kann ja auch niemanden zwingen, meinen bloßstellenden unfachmännischen Quatsch hier zu lesen.

Kopfschmeeeeerzen

Dezember 3, 2010


Mit Kopfschmerzen geht ja nun gar nicht. Nichts geht da. Nur ich in die Schule. Hätte ich mal nicht machen sollen. Und dann Siebte Klasse. Die mit Cigdem. Sie die ganze Stunde mit Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen. Ich ohne Kranft zu sagen: Zieh aus.

Mit Kopfschmerzen werden die Gespräche der Schüler echt unerträglich.

Haram: “Die Warze muss weg.”
Halal: “Was du Hurensohn, ich stopf alle Löcher von deine Mutter.”
Haram: “Deine Oma.”
Halal springt auf, will Haram schlagen.
Ich, kraftlos: “Was denn jetzt? Du hast doch damit angefangen.”
Halal: “Ich ficke sein Vater, dreckiger Hurensohn.”

Und dann regen sich Haram und Halal aber gemeinsam so dermaßen darüber auf, dass die Polizei in ihre Wohnungen kam und die Schuhe angelassen hat und bei haram hätten sie sogar noch einen Hund dabei gehabt.

In dreckigster Art und Weise wird vor mir geredet, aber zum Naseputzen gehen sie vor die Tür.
Mit Kopfschmerzen ist diese elende Doppelmoral echt nicht zu ertragen.

Nicht mal Cigdems Frage: “Frau Freitag, wussten Sie es gibs Schwarze die machen so Teller in die Lippen” konnte mich besser draufbringen. An solchen Tagen hilft nur noch die Couch und gepflegtes Ablästern mit Frl. Krise.

Das Gehirn

Dezember 1, 2010


Heute mal was aus der Kategorie: Es ist günstiger, wenn man sich Gesichter merken kann, als wenn man das nicht kann.
Eigentlich habe ein Supergedächnis. Oft werde ich beneidet, vor allem von meinem Freund, dass ich mir alles, wirklich alles merken kann. Das nutzloseste Wissen wird in den unendlichen Weiten meines Hirns dauerhaft abgespeichert. Möchte jemand den Geburtstag der Exfreundin meines Exfreundes wissen? Interessiert jemand meine Telefonnummer, die wir hatten als ich acht war? Oder das Autokennzeichen von dem blauen Käfer, den meine Mutter fuhr, als ich neun war und wann werde ich mal mitteilen müssen, an welchem Tag meine beste Freundin in der Grundschule zum ersten Mal ihre Tage bekommen hat. Ich würde gerne, aber ich kann diesen ganzen Informationsmüll einfach nicht löschen. Es war der 14.4.

Jedenfalls dürfte mir Supermemorybrain sowas wie heute eigentlich nicht passieren.

Ich will gerade die Schule verlassen, da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, der mir sehr bekannt vorkommt. “Frau Freitag, schön dich zu sehen.” begrüßt er mich. Ich erinnere mich auch an ihn. Er hatte vor ein paar Jahren mal bei uns unterrichtet. Jetzt steht er da, mit einer großen Schachtel Pralinen. Er erzählt und erzählt, an welchen Schulen er überall unterrichtet hat und, dass er jetzt zu uns wechseln möchte und dort sein Referendariat machen will.
Ich gucke ihn die ganze Zeit an und versuche ihn einzuordnen.

Dann hab ich es: Das ist der Referendar, der in meiner Klasse unterrichtet und nur Chaos veranstaltet hat. Ein Opferlehrer aller erster Güte. Damals hatte ich nur Ärger. Die Schüler haben sich über ihn und er sich über die Schüler bei mir beschwert. Grauenhafte Erinnerung visualisieren sich vor mir. Abdul zeigte mir mal Handyfotos von einem völlig verwüstetem Raum. “Höhöhö, Frau Freitag, gucken Sie, so ist es immer in Erdkunde.” Irgendwann war er dann weg. Hat die Schule gewechselt. Lange hieße es, den hat meine Klasse auf dem Gewissen. Meine Schüler suhlten sich noch monatelang in diesem fragwürdigen Ruf.
“Ich dachte, dass ich das Referendariat dann hier mache. Am Gymnasium hat man doch nur Ärger mit den Eltern.”
“Wiiiieeee bei uns willst du das machen? Aber das ist doch so hart bei uns. Bei uns hast du dann immer Ärger mit den Schülern. Du hattest doch so viel Stress mit den Schülern…”
“Nööö, die Schüler mochten mich eigentlich immer.”
Wie jetzt, die mochten den immer? Meine Klasse hat ihn gehasst. Ich verstehe gar nichts mehr. Was ist das für ein Masochist? Der hatte doch extra die Schule gewechselt und jetzt will er zurück.
Er versucht mich zu überzeugen, wie gut das wäre, gerade an unserer Schule das Referendariat zu machen und ist irritiert davon, wie vehement ich versuche es ihm auszureden.

Irgendwann gebe ich auf: “Du ich muss los. Na, ich würde mir das an deiner Stelle nochmal überlegen. Klar, das Kollegium ist super bei uns, aber in den Klassen bist du ja alleine. Da hilft dir dann auch kein nettes Kollegium. Naja, musst du ja wissen.”

Dann latsche ich zum Bus. Komisch, der war doch schon im Referendariat. Hatte der damals nicht ganz mit dem Lehrerwerden aufgehört? Und wie lange ist das denn her? Da war doch meine Klasse in der Achten. Jetzt sind sie Zehnte…

Und dann wird mir plötzlich schlagartig klar, was passiert ist: Ich habe ihn verwechselt. Dieser Typ eben war nur mal kurz Vertretungslehrer bei uns. Nett, kam gut klar, immer easy und wie er schon sagte, bei den Schülern sehr beliebt. Au Backe, wie peinlich… und was ich dem alles gesagt habe…sogar, dass er doch damals wegen meiner Klasse aufgehört hat. Ob er sich denn daran gar nicht mehr erinnern kann. Dabei hat er meine Klasse nie unterrichtet. Peinlich!

Irgendwo hört’s ja wohl auf, oder?

November 18, 2010


Ich bin stinksauer.
Eigentlich hatte der Tag ganz gut angefangen – alle meine Facebookschüler waren pünktlich. Die Unerreichbaren kamen auch pünktlich (aber halt eine halbe Stunde später) und sieben Schüler kamen gar nicht. Ich versuchte sie anzurufen – schrieb ich ja schon gestern, dass das nicht so einfach ist. Eine Schwester schwor, dass Hanna vor einer halben Stunde das Haus verlassen hätte und gleich auftauchen müsste. Sie kam nie. Emre wurde von Abdul um 9 Uhr telefonisch geordert: “Frau Freitag, ich hatte ihn schon aufgewacht vorhin.” Emre erschien dann völlig verpennt oder bekifft um 12 Uhr. Ohne alles. Ohne Bewerbung, Lebenslauf oder Stift.

Dann gabe es ja heute den ganzen Tag Bewerbungsgespräche und Einstellungstests und Feedbacks und Beratungen. Zwischendrin kamen die Schüler immer zu mir und berichteten:
“Hat voll Spaß gemacht. Die Frau war korrekt. War voll king.”
“Ich bin rausgekommen und hatte voll Lebensfreude.”
“Frau Freitag, was ist ein Schamör?”
“Ich schwöre ich habe perfekt deutsch gesprochen. Ich glaube ich habe sogar gesagt, ich habe mein Praktikum absolviert. So spreche sonst nie.”

Alles war richtig nett und gemütlich. Wir plaudern zwischen ihren Terminen und pflegen die Beziehungsebene. Esra und Elda wollen mich bequatschen wegen ihrer gefälschten Entschuldigungszettel. Der Elternsprechtag steht an und ihnen geht der Arsch auf Grundeis.

“Frau Freitag, bitte ich habe das doch nur einmal gemacht. Bitte sagen Sie das meiner Mutter nicht.”

“Elda, deine Mutter weiss doch davon. Ich habe es ihr doch schon gesagt.”

Was die Mutter nicht weiss ist, dass ich noch sieben andere Entschuldigungen habe, die garantiert auch gefälscht sind.

“Elda, warum soll ich denn deiner Mutter die anderen Entschuldigungen nicht zeigen? Du sagst doch selbst, dass du es nur einmal gemacht hast.”

“Habe ich ja auch nur einmal gemacht.”

“Na, dann ist doch kein Problem.”

Sie stammelt was davon, dass sie machmal für ihre Mutter unterschreiben musste, als sie krank war, weil ihre Mutter keine Zeit hatte und so… hmmmm, alles klar.
Wenn sie wenigstens einfach zugeben würde, dass sie alle gefälscht hat. Aber sie versucht sich immer noch rauszureden. Und eigentlich will sie noch ein Lob von mir, dass sie doch eine Entschuldigung abgegeben hätte, und nicht unentschuldigt gefehlt hat. Denn geschwänzt hätte sie ja nicht.

“Frau Freitag, wissen Sie eigentlich, was Eldas Mutter mit ihr macht, wenn Sie die anderen Zettel zeigen?” fragt mich Esra mit theatralisch weit aufgerissenen Augen.
“Na gar nichts, Elda sagt doch, dass die alle ganz korrekt sind.”
“Sie schickt sie in die Türkei und dort wird sie verheiratet!!! Und dann sind Sie schuld! Und mein Vater bringt mich um!”
Noch dramatischer ging es wohl nicht, denke ich und versuche das Thema zu wechseln.
Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich den Müttern das ganze Fälscherausmaß zeigen werde. Aber die Mädchen geben keine Ruhe: “Das hätte Sie bei Ronnie oder bei Peter nie gemacht. Ronnie fehlt so oft und nie rufen Sie da an.”
Ahhh, sie ziehen die “Sie sind rassistisch”-Karte. Jetzt mischt sich Elif ein: “Ähhh, Ronnie fehlt doch nie. Und Peter auch nicht.”
Als ich den Raum verlasse heften sie sich an meine Fersen. Eigentlich könnten sie nach Hause gehen, aber sie quaschten immer noch auf mich ein:
“Bitte, meine Mutter schickt mich Türkei.”
“Mein Vater tötet mich.”
“Ich verspreche, dass es nie wieder vorkommt. Frau Freitag, wir machen einen Vertrag. Es war doch auch nur das eine Mal…”

Mit einem: “Wie reden morgen darüber.” lasse ich sie stehen und gehe in den Raum, in dem wir Lehrer ein Feedback über die Bewerbungsgespräche unserer Klassen bekommen. Wahrscheinlich werde ich mit den Müttern ausmachen, dass sie mich ab jetzt immer anrufen müssen, wenn ihre Töchter krank sind und nicht in die Schule kommen, denke ich. Die gefälschten Zettel werde ich ihnen nicht zeigen.

Meine Klasse hat sich recht wacker geschlagen und einen – mich – überraschenden guten Eindruck bei den Schulfremden hinterlassen.
Jeder Schüler wird einzeln besprochen. Als Elda an der Reihe ist berichtet der junge Mann begeistert, was für eine offene und nette Person sie sei. “Das einzige was ihr wirklich Probleme machen könnte sind die Fehlzeiten und die Verspätungen auf den Zeugnissen. Sie sagt, dass die Stunden alle entschuldigt waren, aber ihre Lehrerin die Entschuldigungszettel verschlampt hätte.”

“WIE BITTE??????” Ich glaub’ ich hör’ nicht richtig. Na warte Fräulein, wir sprechen uns noch und deine Mutter spreche ich auch. Und die Türkei ist doch auch schön und einen Ausbildungsplatz bekommst du mit deinen Fehlzeiten ja sowieso nicht, warum dann nicht heiraten? Ich bin sooo sauer, ich habe mich noch immer nicht beruhigt!!!!

Verpeiler Styler

November 17, 2010

Komisch, heute waren die Schüler alle wieder da. Begeistert erzählen sie mir was von irgend so einem islamischen Feiertag. Irgendwas, wo sie Opfer sind und so oder andere opfern. So richtig habe ich es nicht verstanden. Jedenfalls stürze ich mich auf sie und knutsche sie ab, weil ich so froh bin, dass sie nicht in den Libanon, in die Türkei oder in irgendein anderes ….istan-Land ausgewandert sind.

Aber dann heute nachmittag der Schock. Ich gucke mir meine Unterlagen an und stelle fest, dass die Schüler morgen eine halbe Stunde früher als sonst in der Schule sein müssen, weil wir da so ein Bewerbungstraining mit denen veranstalten. Dieser verfrühte Anfang ist total meinem Gehirn entschwunden. Mist. Und nun kommt Facebook mal richtig gut zum Einsatz. Ich poste in meinem Profil, dass sie früher kommen sollen. Dann bekommen sie alle noch eine extra Nachricht von mir geschickt. Mit voll dem peinlichen Rechtschreibfehler. Alle die die Nachricht gelesen haben kommentieren den Fehler: “hahahah Frau freitag litte bringt einen Stift mit hahahaha”. Erst dachte ich litte ist ein neuer facebook slang, bis ich merke, dass das mein Bitte war. Egal.

So, ca. zehn schüler aus meiner Klasse erreiche ich also übers Internet. Einigen von denen gebe ich den Auftrag andere anzurufen. Dann setze ich mich ans Telefon.
Jetzt beginnt das Unausweichliche: “Diese Nummer ist nicht vergeben.” “Nein, ich bin nicht die Mutter von Peter. Nein, ich heiße wirklich nicht Müller.”
“Und sie haben wirklich die Nummer 497…”
“Ja, schon seit 6 Jahren.”
“Komisch, ich habe doch Peters Mutter schon unter dieser Nummer angerufen. Und Sie sind sicher, wenn sie sich zu Hause umgucken, dass Sie da keinen Sohn haben, der Peter heißt.”
“Vollkommen sicher.”
“Okay, tja, da kann man wohl nichts machen. einen schönen Abend wünsche ich Ihnen trotzdem.”

Ich spreche auf einige Anrufbeantworter und mit einigen Geschwistern. Wenn einem am Telefon jemand mit perfektem Deutsch begegnet, dann sind das die Geschwister. Mit einigen Eltern spreche ich auch, aber nur solange, bis ich ihnen verständlich gemacht habe, dass ich die Lehrerin bin, dann lasse ich mich mit ihren Kindern verbinden, um den komplizierten Sachverhalt der vorgezogenen Anfangszeit zu übermitteln.

Dann gehe ich wieder zu Facebook und drohe jedem an, gleich zu Hause anzurufen, wenn sie mir nicht bestätigen, dass sie meine Nachricht gelesen und verstanden haben. Jeder meiner Schüler, der online ist wird von mir angechattet. “Elif, was geht? alles klaro mit morgen? pünktlich, mit stift, guter laune und gehirn nicht vergessen.”
Bilal: Frau freitag, was geht?
ich: na du hoffentlich morgen – schule – halbe stunde früher.
er: ich finde meine bewerbungen nicht.
(die brauchen sie morgen UNBEDINGT)
er: und lebenslauf auch nich
ich: schreibst du neu. dein leben ist ja noch nicht so alt. geht also schnell :)
er: yaaanneeee frau freitag, bewerbung hat krass lang gedauert. 4 stunden
ich: na setz dich jetzt gleich ran.
er: uffff neeiiin ya frau freitag.
ich: ufff ya abo tschüch bilal, mach mal, bist doch ein mann oder was?
er: üfff
ich: mann oder memme.
Er erstmal längere Pause, wahrscheinlich muss er nachdenken.

Bilal wird pünktlich aber ohne Bewerbung kommen. Die, denen der verfrühte Beginn mitgeteilt werden sollte werden zu spät kommen und sagen, sie wussten von nichts. Die, die ich nicht erreicht habe werden zu spät sein, weil sie von nichts wussten und ich werde für ein Riesenchaos sorgen, weil ich alles verpeilt habe. Aber ich werde mir nicht sagen lassen, dass mich nicht bemüht hätte. Und den nächsten wichtigen Termin schreibe ich mir eine Woche früher mit schwarzem Edding auf die Stirn.

Ist noch Bier da?

Juli 25, 2010

Was ich gar nicht bedacht habe sind die Kopfschmerzen, die Mann von dem ganzen Biertrinken bekommt. In den letzten Tagen verbringe ich die Ferien männlich verkatert. Der Bauch wächst auch – gut.

Und es stimmt wirklich, als Mann macht man sich über viel weniger Dinge Gedanken, als als Frau. Meine Gehiraktivität ist echt runtergefahren. Denkleistungen laufen im Standbymodus. Und ich muss feststellen – ist gar nicht so schlecht. Dieses ganze kognitive Zermartern bringt doch eh nichts. Da sollte man sich eher auf das Wesentliche beschränken: Ist noch Bier da? Wo sind die Zigaretten? Wann geht die Bundesliga wieder los? Warum haben die Typen im Baumarkt von nichts Ahnung?

Diese Gedanken immer wieder hin- und hergedacht und schon ist so ein Ferientag rum. Ich kann es nur empfehlen: Werdet doch auch alle Männer. Die Männer sagen einem nie, dass es viel einfacher ist als Mann. Und wenn es keine Frauen mehr gibt, dann funktioniert die Welt auch viel einfacher. Alles wird wie im Western. Man muss sich nur eintscheiden, ob man der Gute mit dem weißen oder der Böse mit dem schwarzen Hut sein will.

Reduktion rules

Juli 23, 2010

So. Genug gelabert. In der Kürze liegt die Würze! Ich finde jetzt könnt ihr lieben Leser mal was schreiben und wir lesen dann alle die Kommentare. Mir ist zwar jetzt nicht mehr ganz so heiß, aber jetzt habe ich das zweite meiner drei Gefühle: Jetzt bin ich müde.


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