Prozente, Prozente

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“Können wir wieder Prozente machen?”, fragt Orkan mit leidendem Unterton, der unterstreichen soll, dass er UNBEDINGT Prozente machen möchte. Eigentlich machen wir Australien, aber in letzter Zeit mogeln sich die Prozente immer wieder dazwischen. Neulich musste ich feststellen, dass meine Klasse keine Prozentrechnung kann. Okay, sie können so einiges nicht, aber Prozentrechnung können sie ja mal sowas von ganz, gar und überhaupt nicht. Wie habe ich das gemerkt? So:
Irgendso ein Berufsberater sagt:”Na, dann verdient man, wenn man fertig ist, so ungefähr 2000Euro brutto. Ihr wisst ja wahrscheinlich den Unterscheid zwischen brutto und netto…“
„Eins ist mehr und eins ist weniger.“
„Genau und dann müsst ihr also noch ungefähr 30% von den 2000 Euro abziehen. Was bleibt euch dann also netto?“
Schweigen. Stille. Große Kinderaugen mit 1000 Fragezeichen. Kleine Implosionen in den Gehirnen: Prozent???? ÄHHHHHH????
Ich voll geschockt. Au Backe, meine Klasse kann kein Prozent! Das geht ja nun gar nicht! Rosa sagt: „Ja, wa, voll schlimm, Frau Freitag. Wir können dis nich, dabei braucht man das immer. So beim Shoppen, wenn da steht 20% billiger.“
Na, wenigstens wissen sie, wofür man Prozentrechnung brauchen kann.
Aus der Nummer bei dem Berufsberater kamen wir durch viel Raten und einige Vorsagetatbestände meinerseits noch mal raus. In der nächsten Stunde allerdings bekamen sie einen langen Vortag von mir. „Das ist doch total einfach und ihr müsst das können, das ist wirklich wichtig, usw. usw.”
Nun bin ich wirklich kein Mathegenie, aber Prozentrechnung ist ein integraler Bestandteil meines Lebens – Steuer, Rabatte, Tantieme, usw.
Seit ein paar Wochen machen wir also immer wieder Prozente an der Tafel. Wir werden immer besser. Wenn die Zahlen zu krumm sind, dann lasse ich jemanden mit dem Taschenrechner nachrechnen. Kopfrechnen ist auch nicht meins.
“Können Lehrer schwarzarbeiten?”, fragt Hamid und ich muss lachen. “Ja Hamid, ich schleiche mich hier rein und unterrichte heimlich und wer soll mich dann bezahlen?” Der Gedanke amüsiert mich auch noch zu hause. “Natürlich können Lehrer auch schwarzarbeiten.”, sagt mein Freund “die können doch Nachhilfe Unterricht geben und den nicht versteuern.” Und da hat er wahrscheinlich recht. Aber ich fand die Vorstellung doch so schön, dass ein Lehrer sich in eine Schule mogelt und dort unrechtmäßig unterrichtet. Ich hatte so viel Spaß an der Vorstellung. “Und Hamid, wer soll mich dann bezahlen, wenn ich hier schwarz arbeite? Die Schüler? So, Englischstunde ist vorbei, macht 4,95Euro für jeden. Bitte passend zahlen, ich kann nicht wechseln….hihihi.”

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20 Antworten to “Prozente, Prozente”

  1. kriante Says:

    So ein Scherzkeksn diese Frau Freitagn!

  2. dangerschaf Says:

    Schöne Idee! Und wenn Sie dann schwarz arbeiten und Brutto gleich Netto ist, brauchen Sie auch keine Prozente mehr können ;-)

  3. Klematis Says:

    Ja das mit der Prozentrechnung kommt mir sehr bekannt vor! Selbst, als ich in meiner Ausbildung zur Bürokauffrau war, konnten über die Hälfte (also über 50 % :-) ) meiner Kollegen keine Prozentrechnung! Das hat mich schon sehr geschockt, weil das wirklich eines der einfachsten Sachen ist. Man sollte natürlich auch dafür multiplizieren und dividieren können ;-)
    Ich finde es gut, dass Sie sich dafür einsetzen, dass Ihre Schüler das lernen können und dass sie dann nicht in der Ausbildung unwissend sind!

  4. Kejo111 Says:

    In der Ausbildungsvorbereitung sitzen auch immer etliche Schüler, die das nicht können. Wir zerpflücken z. B. jedes Jahr mit ihnen den Hartz IV Regelbedarf, um aufzuzeigen, wie wenig für Lebensmittel, Kleidung, ÖPNV usw. darin vorgesehen ist. Viele wissen überhaupt nicht, wie sie das rechnen sollen. “Wie, Prozentrechnung? Dreisatz, was soll das sein? Haben wir niiiiiie gemacht” …

    • Utta Says:

      He coool, in der Ausbildungsvorbereitung den Hartz-IV-Satz nachrechnen lassen! Das sollte ja als Motivation reichen, sich doch mal ernsthaft mit der Ausbildungsplatzsuche zu beschäftigen :-))

  5. gedankenknick Says:

    Es wird ja von der Politik schon seit Jahren behauptet, solche Aussagen wie “mit der 9. Klasse nix Prozentrechnung” seien nur eine Schutzbehauptung der Arbeitgeber, damit sie keine Auszubildenden einstellen müssten. Leider stelle ich immer wieder fest, dass in dieser Altersklasse (die bei uns gerne mal eine Praktikumswoche anstrebt) einerseits totales Unverständnis herrscht, warum ich sie keine Patienten pharmakologisch beraten lasse [Ey, Alter, dasch kannisch! Iss voll easie!], ich aber andererseits auf Fragen wie “Was sind denn 2% von 50?” oder “Was ist denn ´Auftrieb´?” maximal Fragezeichen über dem Kopf und Denkfalten auf der Stirn als Antwort bekomme.

    Ich will das nicht verallgemeinern, denn ich habe da auch schon positive Beispiele im Betrieb gehabt. Aber die Wissenslücken sind echt auffällig.

    Insofern finde ich es toll, wenn Prozentrechnung in der Schule (zusätzlich) geübt wird, weil eklatante Wissens- und Verständnismängel entdeckt wurden. Aber ich finde es etwas erschreckend, wenn das erst bei einer Berufsberatung auffällt…

    • Utta Says:

      Naja, es fällt Frau Freitag ja auch schon früher auf, aber der springende Punkt ist doch, dass es den Schülern bei der Berufsberatung auffällt! Das sieht man mal, was Motivation ist – wenn das Leben kommt, sind auch manchen Schüler dazu zu bewegen, was zu lernen, aber leider erst dann.

  6. Kathrin Konjareck-Döring Says:

    Mich hat in der Buchhändlerausbildung geschockt, dass fast 80% der Klasse – ausschließlich Abiturienten, tw. schon mit anderer Ausbildung und Berufserfahrung oder gar Studium – keinen Dreisatz konnten (Aber dafür 3. Ableitungen von jeder beliebigen Funktion *mpf*). Wenn man den kann, kann man auch Prozentrechnung. Ich war wirklich fassungslos.
    PS: @ Gedankenknick: Wie ich “Auftrieb” erklären sollte, wüsste ich jetzt spontan aber auch nicht. Ich weiß, was es ist, aber erklären? In einem Satz? Da kaue ich gerade auf der Unterlippe. Was würdest du denn hören wollen? Ich wäre da jetzt wahrscheinlich mit Luftdruck und Tragflächen gekommen – aber wenn’s dann um Schiffe geht…

  7. dangerschaf Says:

    Hallo Frau Freitag,
    gehen Sie doch bitte mal bei Frl. Krise vorbei und helfen Sie ihr, ihre Kommentarfunktion wiederzufinden!

    Viele Grüße
    Schaf (heute Nacht vom Deich geweht, echt ungemütlich)

  8. Kejo111 Says:

    Übrigens, noch mal meine Empfehlung: http://www.ich-will-lernen.de … da können die Kids jederzeit solche Themen selbständig bearbeiten bzw. wiederholen, auch von zu Hause aus. Internet hat inzwischen ja praktisch jeder zur Verfügung.

  9. Die Streberin Says:

    Und, Frau Freitag? Wie ist Ihre (Vor-)Weihnachtszeit so?

  10. Die Streberin Says:

    einen schönen Start in die Weihnachtsferien und erholsame Tage :D
    Lg, die Streberin

  11. Klematis Says:

    Liebe Frau Freitag,
    falls Sie nicht mehr posten sollten, wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
    Ich hoffe, noch viel von Ihnen zu lesen, ich habe alle Ihre Bücher und mir macht es wirklich Spaß, Ihren Blog zu lesen. Bleiben Sie, wie Sie sind!

  12. dangerschaf Says:

    Liebe Frau Freitag,
    ich wünsche schöne Weihnachten und einen guten Rutsch gehabt zu haben.

    Viele Grüße
    Schaf

  13. rotezora. Says:

    Ich wünsche ein 100% gutes Jahr 2014!

  14. Die Streberin Says:

    Und, die erste Woche gut hinter sich gebracht? Ist die für Lehrer auch immer so stressig ;-)?
    Lg , die Streberin

  15. Hildesvin Says:

    Wenn ein Esel beim Galopprennen wiederholt den letzten Platz belegt, muß man einfach mehr Geld investieren, welches man anderen abgepreßt hat.

  16. Die Streberin Says:

    Frau Freitag, lassen Sie uns nicht alleine in dieser humorlosen Welt… Über was soll ich denn sonst lachen???

  17. Scherbensammlerin Says:

    Tja…. Prozente…
    So spontan könnte ich damit jetzt auch nicht viel anfangen… Theoretisch hab ich es zwar mal gemacht, aber in der Praxis funktioniert das nicht. :(
    Schade das man in der Schule teilweise viel Zeit in weniger wichtige Dinge investiert (die kein Mensch später mehr braucht, außer es wird ein entsprechender Beruf gewählt) und alltäglich nützliche Dinge nur kurz abgehandelt werden.

    Grüße, Scherbensammlerin

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