Der neue Trick!

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Heute habe ich mich in der Mittagspause einer kleinen Selbstpsychologisierung unterzogen. Nachdem ich mich die zweite Hälfte der Pause im Kunstvorbereitungsraum versteckt hatte und dort gemütlich mit einem neuen Kollegen über die Achte Klasse abgelästert habe – warum sollen das nur die Schüler machen? Wir können mindestens genauso gut über die Schüler herziehen, wie die über uns.

Ich sollte dann noch eine Stunde Englisch in einer anderen achten Klasse erteilen. Zwei Leute sollten auch noch während meines normalen Unterrichts die Englischarbeit nachschreiben. Diese Klasse ist recht lebhaft. Mittlerweile hat Gamze alle Mädchen mit ihrer Pubertät angesteckt und ihre Aufgescheuchtheit behindert seit Schuljahresbeginn mein Unterrichten. Außerdem sind in dieser Gruppe noch Nitro und Glyzerin. Nitro mit schwerem ADHS und Glyzie mit einem arabischen Temperament, als stecke der ganze Gazastreifen in ihr.

“Hast du noch Unterricht?” fragt mich der Kollege im Kunstvorbereitungsraum kurz vor dem Klingeln und ich sage: “Ja, ich habe noch das Vergnügen, mich mit der 8c zu treffen.” Und auf dem Weg in die Klasse suggerierte ich mir dann eine extrem gute Laune. Das ging wie von selbst. Als ich den Raum aufschloss konnte ich mich kaum halten vor Vorfreude auf meinen Unterricht.

“Ihr Lieben, ich freue mich sooo euch zu sehen!”
“Hähhh? Wieso?” fragen die ersten.
“Na, weil ich euch so gerne mag!” antworte ich. Und das war in dem Moment gar nicht mal gelogen.
Esra bleibt vor mir stehen und guckt mich an: “Hääähhh, sie haben uns gerne? Gamze, sie sagt sie hat uns gerne! Sie sind der erste Lehrer, der das sagt.”
Und schon mag ich sie noch lieber. Diese armen ungeliebten Kinder.

Dann erscheint Glyzie. Im Film wäre ihr Eintreten in den Raum mit Bässen und Donnergrollen unterlegt.

Esra hat sich mittlerweile hingesetzt und verdaut die neue Situation. Dann schreit sie zu Glyzie: “Glyzie, Sie mag uns! Sie freut sich, uns zu sehen!”
“Echt?” Plötzlich springt Glyzie euphorisch auf und ab und stürzt dann auf mich zu, um mich zu umarmen. Nitro hat sich mittlerweile still in die erste Reihe gesetzt: “Sie ist bestimmt verliebt.”

“Nein, ich freue mich so, dass wir jetzt Englisch haben. Und wir schreiben einen Vokalbeltest! Setzt euch alle mal hin und nehmt ein Blatt raus. Vokabeltest! Yeahhhh!” Und da die Wörter so poplig einfach waren und sie die schon alle konnten verlief der Test auch ohne jegliche Vorkommnisse und ich habe ihn auch schon korrigiert – alle sehr gute Noten.

Der Rest der Stunde lief auch wie am Schnürchen und alle haben mir noch ein schönes Wochenende gewünscht und die Stühle freiwillig hochgestellt und es lag auch gar nichts auf dem Boden. Ab jetzt nur noch so! Selbstsuggestion fetzt ja nun voll. Hätte man mir aber auch mal früher sagen können!

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22 Antworten to “Der neue Trick!”

  1. Amy Says:

    Damit, dass alle Schüler gute Noten im Test hatten, haben Sie sich jetzt verraten, Frau Freitag! Das kann doch alles nur ein schöner Traum gewesen sein, den sie uns hier unterjubeln wollen, jawohl :P

  2. Jürgen Says:

    Auf den Suggestionstrick hätten Sie aber auch selbst kommen können, in ihrem langen, erfahrungsreichen Lehrerinnenleben.

  3. Kejo111 Says:

    “Ich habe euch gern” und “In eure Klasse komme ich gerne” sind Komplimente, die eine meiner Englischklassen lieben. Und sie sind noch nicht mal gelogen. Die Klasse ist extrem anstrengend, und dennoch macht es mir Spaß, sie zu unterrichten.

    “Ms B, Sie sind voll die chillige Lehrerin!” habe ich heute zu hören bekommen (stimmt so gar nicht, ich kann auch voll streng sein und Nervbolzen, die stören und nicht mitarbeiten, knallhaft entsorgen).

    Hach, ist das schön. Und die Parallelklasse spricht mich auch schon auf dem Schulhof an, warum ich denn nicht auch bei ihnen Englisch geben kann.

    Da geht doch das Herz gaaanz weit auf …

  4. Juli Says:

    Frau Freitag, bitte bitte, ich möchte noch ein Buch!!

  5. pauker68 Says:

    Stimmt, hätte man ja schon in der Lehrerausbildung befachsimpeln können. Ich hab das auch von einer Kollegin übernommen. Mit ihr war ich ab und zu als Co teacher in einer doofen Achten. Deutsch. Die Frau hatte zwar keine Ahnung vom Unterrichten, also wenn man die Meyerschen Regeln zu Rate zieht, langweilig war es ausserdem, jedoch hatte Sie mit ihrer Lobheuchelei echt den Schlag bei den Schülern weg. Sie kitzelte bei jedem Nitro, sogar bei den TNTlern etwas Positives heraus und war des Lobes voll. Die kleinen Pubibiester liebten sie und fraßen ihr aus der Hand. Wenn ich so gar keine Lust auf eine Klasse habe, erinnere ich mich daran, lebe es aus und siehe da-es funktioniert.

    • 42 Says:

      Tja, vielleicht ist das mit dem aufgesetzten Grinsen, das mit dem Rauskitzeln und Lobheucheln des klitzekleinsten Etwas an Können tatsächlich die einzige Methode, die funktioniert … Meine Kollegin tut es, erwartet wenig und ist tierisch beliebt … Leider versagt meine Selbstsuggestion an der Stelle immer noch jämmerlich … Ich kann es einfach nicht, ich fühl mich falsch dabei … Ich will nicht beliebt sein, ich möchte respektiert werden und meine Kids fordern und fördern, möchte sie auf ein Studium vorbereiten … Ich habe immer noch diese irrsinnige Wahnvorstellung, ein Gymnasium wäre eine Schule, an der ich nicht um Leistungsbereitschaft betteln muss … Muss ich aber … Also Selbstsuggestion oder Verzweiflung – ich muss mich wohl entscheiden …

    • hafensonne Says:

      Sie unterrichten jetzt aber kein Deutsch, oder?

      • 42 Says:

        Nein, kein Deutsch … Bei mir gibt´s Zahlen und Formeln, richtig oder falsch. Da fällt es mir schon schwer, für “ein bisschen richtig” zu loben …

  6. nadineswelt Says:

    “Sie ist bestimmt verliebt!”
    hihi voll süüüß!

  7. claudia Says:

    Liebe Frau Freitag !
    Apropos Psychologie……mein Sohn weilt seit dem Spätsommer in der 8. Klasse…….bitte sag mir, dass aus diesem pubertierenden, schlechte Noten schreibenden Schüler, wieder ein ganz normaler Junge wird….!
    Geht dieses 8. Klasse Syndrom wieder vorbei???
    Also spätestens in der Neunten, ich weiß! Nee, jetzt mal im Ernst…..

    • fraufreitag Says:

      na, ich kann es mir momentan auch nicht vorstellen, aber wenn ich mit ehemaligen pubertisten auf dem hof spreche, dann sind die schon anders. also hoffen wir mal…

  8. jastinhanelt Says:

    Liebe Frau Freitag,
    ich werde meinen Lehrern ihren Blog empfehlen, weil Sie von ihnen echt was lernen können zumindest was nette Klassenführung angeht!!!

  9. christaschule2010 Says:

    … als stecke der ganze Gazastreifen in ihr – so ausdrucksstark diese Metapher. Super geschrieben.

    Und in Zukunft gaaaanz brave Kinder der 8c!

  10. Herr Mittwoch Says:

    Pubertät und Schule, zwei verfeindete Systeme.

    Mein Rezept zwischen der 7. und der 10.: Viel Lob, viel Spass, keine hohen Ansprüche, viele gute Noten. Und! Lustige Projekte!

    Dann geht die Pubertät so vorbei, dass nicht zuviele Kollateralschäden entstehen. Schule sollte in dieser Zeit vorallem Spass machen.
    Repressionen erzeugen nur Depressionen! Auf beiden Seiten.

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