Archive for September 2011

Fe-rien ne vas plus, Mademoiselle Krisé

September 30, 2011

Verena kommt freudestrahlend im Lehrerzimmer auf mich zu gerannt. Ich stehe am Vertretungsplan und starre vor mich hin – so sieht meine Pausenbeschäftigung aus. “Frau Freitag, Frau Freitag, la-la-la-la-lala, rate mal, hihihi..”
“Verena,was ist mit dir?”
Sie kommt mir verschwörerisch nahe und flüstert mir ins Ohr: “Der Neue…”
“IBO????” mein Herz beginnt zu rasen… Wut steigt in mir hoch. Wut und Panik, denn ich habe Verenas Klasse später noch in Englisch. Das hatte ich sehr erfolgreich verdrängt.

Verena grinst immer noch breit. “Um den musst du dir keine Gedanken mehr machen. Da kannst du dich bei Kollegin Schwarz bedanken, die hat den für heute lahm gelegt.”
“Wie jetzt, wie lahm gelegt?”
“Na, der ist eben abgeholt worden. Der ist im Schulgarten mit einer Schubkarre kollidiert und jetzt fehlt ihm ein Zahn.”
“Ein Zahn. Echt? Milchzahn oder richtiger Zahn?”
“Keine Ahnung. Jedenfalls ist er heute nicht mehr da.”
“Yes! Gib mir Fünf!” Erleichtert begebe ich mich in meinen Unterricht. Im Büro sehe ich Frau Schwarz, die eine Unfallanzeige ausfüllt.
“Frau Schwarz, schöne Dank auch. Dir und der Schubkarre.” rufe ich ihr im Vorbeigehen zu. Aber schon nach der nächsten Ecke denke ich, dass der ja jetzt nicht für immer weg ist. Dem fehlt ja nur ein Stück Zahn. Damit kann man ja nicht seine Schulzeit in der Siebten beenden. Ist ja kein Vorruhestandsgrund. Und irgendwann kommt der ja dann wieder. Spätestens nach den Ferien. Und wir können dem ja nicht jeden Tag was brechen, damit er abgeholt wird und zu Hause bleibt. Das traue ich mir jedenfalls nicht zu.

Und jetzt sind ja erstmal Ferien. Herzlichen Glückwunsch euch allen, die ihr daran teilnehmt. Ich habe euch extra zum Ferienstart dieses herrliche Wetter gebastelt und was mache ich – anstatt draußen durch die Herbstwälder zu laufen, wie ein junges Reh, liege ich hier unter einer Decke auf der Couch und bin zu schwach, um aufs Klo zu gehen. Bestimmt sind alle draußen. Nur ich ich wieder nicht. Ich sollte auch raus. Ich sollte draußen sein. In der Sonne. Ist doch die letzte 2011-Sonne. Aber ich bin so müde. Und wie soll ich denn heute Abend die Krise beim Pokern fertig machen? Die hüpft garantiert gerade draußen durch die Walachei und radelt dann noch 20 Kilometer nach Hause. Dann isst sie einen Apfel und ist dann fit wie ein Turnschuh für den heutigen Abend. Sie darf heute nicht gewinnen. Ich sehe sie schon, wie ihr Haufen mit den Chips immer größer wird und meiner entsprechend kleiner und dann gibt es gemeine niederträchtige Sprüche.
Und das alles nur weil ich zu müde war.

Egal, wenn ich es mir recht überlege, dann kann sie ruhig gewinnen. So, ich werde jetzt aufs Klo gehen und dann raus.

Die fiese Mistpocke

September 29, 2011

“Please read exercise nr.4, Benni!” Wir erarbeiten eine langweilige Aufgabe im Workbook. Die Vergesslichen schreiben einen Text aus dem Textbook ab. Ibo der Neue sitzt vor Mustafa und soll auch schreiben. Ich gucke zu ihm rüber und was macht er? ER KIPPELT!!!!! Ibo sieht, dass ich ihn beobachte.

“Nicht kippeln!” sage ich streng. Er zögert eine Sekunde, guckt sich in der Klasse um.
“He, Ibo! Ich sagte, dass du aufhören sollst zu kippeln!”
In Zeitlupe kippt er seinen Stuhl in die Waagerechte. Ibo ist schon so dick, dass ich Angst habe, der Stuhl bricht auseinander, wenn er den nicht vorschriftsmäßig benutzt. Warum sind diese Jungen heute eigentlich so dermaßen dick? Keine 13 Jahre alt und schon einen Bauch, wie ein 60jähriger. Merken die Mütter nicht, dass die sich falsch ernähren? Und wenn die so dicke Beine haben, dann haben die auch Schwierigkeiten zu laufen. Die watscheln dann. Gibt es bei Ibo zu Hause nur 1,5l Flaschen River Cola? Ich wende mich wieder dem Workbook zu. Gucke noch mal zu Ibo, ob er auch schreibt. Da kippelt der schon wieder und diesmal guckt er mich dazu auch noch ganz frech an.

“Sag mal, hörst du schwer?” frage ich nun völlig genervt “Ich habe dir nun schon zweimal gesagt, dass du nicht kippeln sollst.”
Er, immer noch kippelnd: “Wieso?”
“Was wieso?”
“Wieso darf ich nicht kippeln?”
Langsam reicht es mir echt mit dem.
“WIESO???? Weil ICH es sage!!!”

Er hört – wieder leicht verzögert – auf zu kippeln. Oh Mann, das kann ja heiter werden mit dem Typ. Nach fünf Minuten sehe ich, wie Ibo nach hinten greift und Mustafa schlagen möchte. Ich gehe zu seinem Tisch, nehme seinen Block und das Buch, sage kurz “Komm mit!” und verfrachte ihn an den Tisch neben der Tafel.
Sofort will er sich beschweren: “Aber er hat…”
Ich unterbreche ihn mit einem “Wir klären das später. Jetzt schreib erstmal.”
“Nein, ich schreibe nicht.” sagt er und verschränkt die Arme vor seinem riesigen Bauch.
“Schreib!”
Ich bleibe so lange neben ihm stehen, bis er den Stift wieder in die Hand nimmt.
“Du bleibst nach der Stunde noch mal hier.” sage ich ihm und setze mich an mein Pult. Er protestiert, aber das überhöre ich und unterrichte, bis zum Ende der Stunde weiter.
Als es klingelt packt Ibo sofort seine Sachen ein und will mit den anderen Schülern auf den Hof.
“Ibrahim, du bleibst noch mal hier!”
“Wieso?”
“Weil ich mit dir sprechen will!”
Widerwillig steht er jetzt neben mir. Ich sitze an meinem Schreibtisch.
“Setz dich mal hin.” fordere ich ihn auf.
“Nein ich stehe lieber.”
“Setz dich dort hin!” Das ist ja echt zum Verrücktwerden mit diesem Typi.
“Wieso?”
“WEIL ICH DIR SAGE, DASS DU DICH DA HINSETZTEN SOLLST UND ICH DIE LEHRERIN BIN!!!” Bei dem muss ich ja echt beim Urschleim anfangen. Als er endlich vor mir sitzt werde ich wieder etwas milder.
“Sag mal von welcher Schule kommst du eigentlich?”
“Gymnasium.”
“Und warum bist du jetzt hier?”
“War zu schwer.”
“Und meinst du, du kannst dich hier so aufführen, wie du willst? Du bist hier das erste Mal in meinem Unterricht und machst gleich so einen Stress? Das geht ja nun gar nicht….” Ich labere und labere. Er hört mir notgedrungen zu. Am Ende gebe ich ihm die ISBN Nummer des Workbooks und er mir das Versprechen auf einen Neuanfang in der nächsten Stunde.

Ich gucke ihm nach, wie er aus meinem Raum watschelt. Das wird nichts mit dem. Da bin ich mir soooo sicher. Der ist trouble.
Ich gehe ins Schulbüro und frage laut: “Ibrahim El-Farid!!! Wer hat dem erlaubt hier an die Schule zu kommen??? Der Typ geht ja wohl sowas von gaaar nicht!!!”
Die Sekretärin grinst. “Das dachte ich mir schon, als der gestern mit seinem Vater hier war.”
“Haben wir den auf Probe? Der muss postwendend wieder zurück!!!”
“Der kommt vom Gymnasium. Die haben uns angefleht den zu nehmen, der sei dort soooo überfordert.”
“Überfordert, dass ich nicht lache. Den wollten die loswerden. Das ist eine ganz fiese Mistpocke. Der muss weg!!! Der macht die ganze Klasse kaputt.”

Im Lehrerzimmer läuft mir Ibos neue Klassenlehrerin über den Weg. “Verena, dein neuer Schüler!!!” Sie grinst und wartet. “Der geht gaaaar nicht!!! Wie der sich aufgeführt hat, in der siebten Klasse…als Neuer… das gibt nur Probleme mit dem!”
“Und hässlich ist der.” sagt Verena.
“Na, das wäre mir jetzt egal, aber sein Verhalten u n m ö g l i c h!!!”
“Verena grinst noch immer und erzählt mir, dass er sich auch bei ihr nicht gut aufgeführt hat. “Der muss weg!!!” versuche ich sie aufzustacheln. “Da müssen wir was tun! Der ruiniert deine nette Klasse…” In dem Moment kommt Anita an uns vorbei. Sie unterrichtet in Verenas Klasse Geschichte: “Dein neuer Schüler? Na das ist ja einer… ich wollte nach dem Unterricht mit dem sprechen, da trinkt der während ich rede.”

Super, diese Schlacht ist noch nicht verloren. Jetzt genügend Allianzen schmieden und dann geht es diesem Ibo an den Kragen. Von dem lasse ich mir nicht meine Nerven ruinieren!

Ibo vs Frau Freitag

September 28, 2011

“Wir haben einen neuen Schüler in der Klasse.” schreit mir Yunus aus der 7b entgegen, als er in den Raum kommt.
“Frau Freitag, wir haben neuen Schüler.” reiht sich Marina ein, die kurz hinter Yunus kommt.
Jeder will mir diese Neuigkeit mitteilen. “Wo ist der denn der Neue?” frage ich, denn die Schüler, die nun vor mir sitzen kenne ich alle. Neue Schüler mitten im Schuljahr nerven. Die haben noch keine Bücher, geschweige denn Workbooks und natürlich haben die auch keinen Plan, was wir bisher gemacht haben. Ich bin ein großer Befürworter des “Jeder bleibt mindestens bis zum Halbjahresende dort wo er ist.”

Ich will mit dem Unterricht beginnen, aber da ist ja noch der ominöse neue Schüler, der bisher noch nicht aufgetaucht ist. Mika meldet sich: “Frau Freitag, der findet den Raum nicht. Soll ich ihn holen?”
“Nein, lass mal, der trudelt schon irgendwann ein. Ich will jetzt auch anfangen. Wie heißt der denn?”
“Ibo!” schreit mir Yunus zu und alle kichern. “Wir haben jetzt zwei Ibos.” Der ursprüngliche Ibo, sitzt direkt vor meiner Nase. “Na Ibo, wie ist er denn so dein Namensvetter? Ist der auch so nett wie du?” Ibo ist ein Goldstück. Total klein und super süß. Man will ihn sofort mit nach Hause nehmen. Wenn er was weiss meldet er sich mit einem ausgestreckten Arm, den er mit der anderen Hand festhält, als würde der Meldearm durch die Decke flitzen. Und dabei schreit er “Ich, ich, ich!” Voll Grundschule – todessüß!

“Der neue Schüler ist gar nicht nett.” stellt Ibo mit sehr ernstem Gesicht fest. Er schüttelt dabei den Kopf und wiederholt noch mal mit Nachdruck “Das ist gar kein netter Schüler!” Oh, oh… denke ich noch, als die Tür aufgeht und Ibo Nr.2 eintritt. Dick, kurze gegeelte Haare, Augenringe, als hätte er seit Mai nicht mehr geschlafen, Alphajacke, Eastpackrucksack. Mit dem Gesichtsausdruck eines Auftragskillers latscht er an mir vorbei, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen und will sich in eine der letzten Reihen verziehen.
“Hallo? Moment mal. Komm mal bitte hierher zu mir!” befehle ich ziemlich unmissverständlich. Die Klasse schweigt.

Wortlos steht er vor mir und guckt mich ziemlich ausdruckslos an. “So, du bist also der neue Schüler. Wie heißt du denn?”
Er nennt mir seinen Namen, ich schreibe den auf und bestimme, wo er sitzen soll. Dann beginne ich mit dem Unterricht.
“Please take out your Workbooks!”
Ich gehe zu dem neuen Ibo.
“Hast du ein Workbook?”
Er guckt mich verächtlich an und macht dieses muslimische Schnalzgeräusch. Ja, ist muslimisch, weil das die muslimischen Jungs immer machen. Man nimmt die Zunge an die obere Zahnreihe, zieht sie dann mit einem Schnalzen schnell zurück. Ich reagiere äußert allergisch – geradezu algerisch auf dieses Geräusch.
“Was soll das?” frage ich Ibo streng und mache das Geräusch nach. Ich bin kein Tier und auch keiner deiner Freunde auf der Straße, mit denen du so reden kannst. Ich habe dich gefragt, ob du ein Workbook hast.”
Die Klasse ist mittlerweile in eine Zuschauerstarre verfallen. Gebannt wollen sie sehen, wer den ersten Schlagabtausch gewinnt. Frau Freitag vs Ibo, the new kid in class.
“Was ist, hast du ein Workbook?”
“Tzzzzz”
Ich glaube es nicht, er macht noch mal dieses Schnalzgeräusch. Eine Unverschämtheit! Ich weiss zwar, dass das Schnalzen ‘nein’ heisst, aber so geht es ja wohl nicht. Ich stehe vor Ibo und warte, bis er leise ‘nein’ sagt.
“So, dann nimm mal das Textbook hier, Seite 12. Hier. Und schreib den Text ab. Wie auch die anderen, die kein Workbook mithaben.” Ich höre aus verschiedenen Ecken ein leises Murren. Mittlerweile habe ich allerdings in dieser Klasse bereits implemetiert, dass geschrieben wird, sobald man sein Arbeitsmaterial vergessen hat. Dann sind die wenigstens ruhig und ich kann mit den anderen Schülern weiterarbeiten.

“Abo, ich schreib nicht!” mault Ibo plötzlich los, als er den Text im Buch sieht, der sich über eine Doppelseite erstreckt. Die anderen Schüler haben sich bereits in ihr Schicksal gefügt.
“Doch du schreibst.”
“Nein, mach ich nicht. Wieso sollte ich?”
“Weil du kein Workbook mithast.”
“Aber, aber…”
“Hast du ein Workbook?”
“Nein.”
“Also schreibst du.”
Widerwillig nimmt er seinen Block raus. Eins zu null für Frau Freitag, aber wir sind erst in Runde 1.

So riecht der Libanon

September 27, 2011

Einem grauenhaften Tag folgte eine desaströse Nacht. Um halb neun(!!!!) schlief ich wimmernd vor dem Fernseher ein. Vorher habe ich in Gedanken mein Leben und meine Berufswahl verflucht. Alles scheiße, scheiße, scheiße. Macht gar keinen Spaß. Ich will nicht mehr. Und dann schwerer ungemütlicher Schwitzerschlaf und um 1.30 Uhr hellwach. Aus dem Bett – in das ich irgendwie gebracht wurde – zurück auf die Couch – Fernseher an, dösen, wieder einschlafen, wieder aufwachen und dann schließlich um vier Uhr eine Zigarette rauchen – geht es noch grauenhafter? Ich kann mich gleich bei “Familien im Brennpunkt” anmelden.

Und dann auch noch punktgenaues Eintreffen in der Schule. Punktgenau heißt mit dem Klingeln, also zu spät. Meine Klasse hängt schon im Treppenhaus über dem Geländer: “Sie sind zu spät Frau Freitag!” “Ich weiss.”
“Sie müssen am Freitag nachsitzen, Frau Freitag!”
“Ja, muss ich ja sowieso immer, wenn ihr nachsitzt. Ich werde mich gleich eintragen.”
Und dann habe ich ein paar schöne produktive Stunden mit MEINER Klasse verbracht. Die sind echt immer noch süß und haben mich auf ihre fuzzige Art wieder aufgebaut. Nach vier Stunden dachte ich bereits: “Na guck mal einer an, wie ich das drauf hab. Ich bin doch wohl die geborene Lehrerin.”

Mittags sitze ich mit mehreren Kollegen vor Kartoffelpüree und irgend so einem undefinierbaren Fleischklops und wir reden über die Schüler. Am Tisch sitzt Manfred – schon jahrelang an unserer Schule- leicht desillusioniert, aber immer sehr freundlich zu den Schülern. Dann ist da noch eine hochmotivierte neue Kollegin, die alles super findet und zwei Typen von so einem Projekt. SCHULFREMDE, die sich mal wieder mit unseren Schülern schmücken wollen. Mal kurz vorbeikommen, ein Kamerateam dabei haben, alles für ein-zwei Tage auf den Kopf stellen und dann wieder gehen. Ach ich vergass – zwischendurch natürlich unheimlich schlau daher quatschen.

“Also wir machen gerade in Erdkunde ein Projekt über den Libanon und die Türkei.” erzählt die neue Kollegin und die Schulfremden sind sofort ganz Ohr. “So riecht der Libanon und so riecht die Türkei, heißt es.”
“So riecht der Libanon??? Komm doch einfach mal in meinem Raum vorbei.” nuschele ich, den Mund voll mit Kartoffelpüree.
“Hohohoho.” kommt es von dem einen Schulfremden. Sein ‘hohohoho’ soll Entrüstung kommunizieren, die ich erstmal gar nicht verstehe.
Ich stopfe mir noch mehr von dem Kartoffelpüree rein, bevor ich antworte: “Wieso? Was ist daran jetzt schlimm? Wahlweise riecht es da auch wie die Türkei. Wie soll es denn da riechen?”
“Na, wahrscheinlich geht es da eher um die Gewürze, so Karamon und so.” erklärt der andere Schulfremde.
“Ach so. Hmm, Gewürze.”
“Aber vielleicht riechen ja Leute aus dem Nahen-Osten anders als die aus Europa.” gibt der HOHOHO-Typ zu bedenken.
“Na, das klingt jetzt aber sehr nach Rassenlehre.” kontere ich. Touche (hier soll so ein Strich sein auf dem e)
Stille. Jetzt meldet sich der andere Schulfremde wieder zu Wort. “Sind denn die Schüler hier wirklich so schlimm?”
“Wer hat denn gesagt, dass die schlimm sind?” frage ich. Immer diese Vorurteile… immer fragen alle, ob die schlimm sind. Die sind ganz normal. Schlimm sind Montage. Schlimm ist Unterricht nach 16 Uhr. Schlimm ist, wenn man nicht schlafen kann. Oder wenn man Krebs hat oder ein Tsunami vor deinem Haus oder Cellulitis am Bauch oder noch schlimmer Cellulitis am Hals oder wenn man seinen Hausschlüssel verliert. Aber unsere Schüler…. die sind halt Schüler.
Aber ich kann das auch nicht immer wieder jedem erklären. Deshalb esse ich schweigend meinen Teller auf und gehe dann zufrieden nach Hause. Dienstage sind auf jedenfall überhaupt nicht so schlimm wie Montage.

Aua

September 26, 2011

“RAUS!!!! Sabrina, verlass den Raum und warte vor der Tür!!!!”
“Kann ich meine Tasche mitnehmen?”
“NEIN!!!”
“Jaja, klau’n Sie schön meine Tasche…”
“DEINE BILLIGE TASCHE WERDE ICH BESTIMMT KLAUEN!!!”
Ich bin im Epizentrum meines, meines…. ach, ich weiss es gar nicht. Alles bricht und fällt auseinander. Ich verwalte nicht mal mehr das Chaos – ich bin das Chaos. In meinem Raum sind es 40 Grad. Ich bin seit 7.30 Uhr in der Schule. Jetzt ist es 16.10 Uhr. Ich wusste, dass es hart wird heute. Deshalb habe ich mir in der Videothek einen Film ausgeliehen.

“Wir machen jetzt die Hälfte der Stunde die Berichtigung der Arbeit und dann gucken wir – weil ja bald Ferien sind – einen Film. Aber nur, wenn ihr jetzt alle leise seid und gut mitmacht.” Leise – ha. Niemand war leise. Eine Schülerin musste ich vor der Klasse schreiben lassen, einen anderen habe ich ins Schulbüro geschickt und den Rest versuchte ich mit Anmecker in Schach zu halten. Es war grauenhaft.

Nach der Hälfte der Stunde will ich den Film starten. Den Beamer hatte ich schon in der Stunde davor aufgebaut. Ich lege die DVD rein und – nichts passiert. Ich drücke verschiedene Knöpfe, nichts. Hinter mir geht der Punk ab. ich kann nicht mehr. Ich habe keine Kraft mehr. Ich könnte heulen. Das ist doch keine Arbeit, was ich hier mache. Das ist die reinste Zumutung. Für mich und für die Schüler.

Wenn es nicht bald klingelt werde ich wahrscheinlich auch noch Gewalt anwenden. Ich will nach Hause. ich stelle mich an die Tür und beobachte das grauenhafte Treiben. Eine Schülerin schmeißt ihre Federtasche auf den Jungen, der ihr gegenüber sitzt. Eine andere haut ein Haarband auf den Tisch. Immer und immer wieder. Einer wiegt mit dem Oberkörper hin und her – Hospitalismus – durch meinen schlechten Unterricht. Einer hat einen viele Kleineren Schüler im Schwitzkasten. Und der Rest schreit oder labert im besten Fall nur vor sich hin.
Ich will das nicht mehr. Das ist doch kein Leben – diese späte Stunde ist die reinste Hölle. Meine Stimmbänder schmerzen. Ich will nach Hause. irgendwann klingelt es und wir verlassen alle mit letzter Kraft den Raum. Der nächste Montag kommt ja erst in drei Wochen. Thank god!!!!

Solche Tage muss es auch geben

September 22, 2011

“Volkan, bist du sicher, dass das jetzt ganz wichtig ist? Das geht alles von eurer Zeit ab.”
“Ja, ist wichtig.”
“Na, was denn?”
“Wie viele Seiten hat die Arbeit?”

Wie ich das hasse… diese ewigen Fragen bevor ich die Arbeit verteilen kann. Immer wollen die Schüler wissen, wie viele Seiten das sind, dabei sagt doch die Anzahl der Seiten überhaupt nichts aus.

Heute hat meine Klasse die erste Englischarbeit bei mir geschrieben. Herrliche konzentrierte Ruhe. Während der Stunde keine bekloppten Fragen und keine Dramen, wie letztes Jahr. Alle haben sich bemüht und keiner hat aus lauter Frust angefangen zu stören. Die sind echt eine klasse Klasse.

Selbst den ersten Wandertag haben wir bravourös über die Bühne gebracht. Ohne irgendwelche Vorkommnisse. Also fällt mir heute auch gar nichts ein, was ich schreiben könnte. Zur Zeit läuft echt alles ganz easy und entspannt.
Es läuft so entspannt, dass ich mir meinen Stress nach der Schule schffen muss. das geht so: man gehe auf dem Nachhauseweg an einem türkischen Gemüsestand vorbei. Dort gibt es Maiskolben. Fünf Stück für nur einen Euro und Blumenkohl für 50 Cent. Muss ich also sofort kaufen. Die Tüte ist schwer und sehr dünn. Schon auf dem Weg zum Bus reißt sie – erst der Henckel, dann bohren sich die Maiskolben durch. Ich muss sie also im Arm tragen. Dann fällt mir ein, dass ich noch in die Kinderbiliothek wollte, weil ich Bücher für den Kunstunterricht brauche. Mit der schweren Schultasche (20 Englischharbeiten a 8 Seiten) und der durchlöcherten Gemüsetüte schleppe ich mich zur Bücherei. Nachdem ich eine Stunde jedes Regal inspiziert habe gehe ich mit zwei Büchern zur Ausleihe, da fällt mein Blick auf das Bushido Buch. Seine Biografie. Die wollte ich schon immer mal lesen, mir aber auf keinen Fall kaufen. Ausleihen ist ja da genau das Richtige. Wenn ich auf dem weg zur Arbeit wieder lese, dann komme ich vielleicht auch von dem Handyspielen weg. Langsam sehe ich nämlich überhaupt keinen Nutzen mehr in Block’d und meinen Daumengelenk schmerzt jetzt zusehends.

So, spannender wird es heute nicht mehr. Sorry. Ich habe Hunger. Der Freund rumort schon in der Küche – Spaghetti!!! Der Deutschlehrer kommt gleich zum Essen und das war’s dann mit dem Donnerstag. Vielleicht fange ich jetzt mal das Bushido-Buch an. Wenn die Schule weiter so ereignislos bleibt, dann starte ich hier einen Literaturblog. Mit Bushidos Biografie hahahahahahahahahahahahahaha.

Fun and Games

September 21, 2011

Ich brauche ein 12-Step-Programm! Ich bin süchtig. Abhängig. Und man wird es mir nicht glauben nach was. Ja ja, die Zigaretten, nein, kein Alkohol, nein, nicht die Arbeit oder der TV… ich bin süchtig nach BLOCK’D!!!

Block’d ist ein Spiel auf meinem Handy. Früher habe ich auf jeder Fahrt zur Arbeit und auf meinem Nachhauseweg im Bus in meinen Kalender geguckt. Ausgerechnet wie lange es noch dauert, bis die nächsten Ferien kommen, Mitarbeitsnoten eingetragen, endlose to-do Listen gemacht oder einfach nur so Tage gezählt. Dann fing ich an morgens und nachmittags SMSs zu verschicken. Dann schmökerte ich weiter in meinem Handy rum und entdeckte unter Extras die Spiele.

Mehrere Wochen spielte ich das Schnellbauspiel bei City Bloxx. Man muss ein riesiges Haus bauen, indem man immer einzelne Elemente aufeinander türmt. Wenn die nicht runterfliegen, dann ziehen da auch gleich Leute ein, die kommen mit Regenschirmen angeflogen. Hat man besonders gut gebaut, dann kommen zwei Leute und wenn alles etwas windschief steht, dann traut sich nur ein Regenschirmmännchen rein. Komischerweise lässt die Statik bei diesem Spiel einiges zu. Wenn man lang genug spielt fängt es in dem Spiel irgendwann an zu regnen oder zu schneien. Fällt der Turm um, dann vibriert das ganze Handy und man kann sich einbilden, dass man eine SMS bekommen hat. Leider wird das Spiel ziemlich schnell langweilig, denn viel passieren tut nicht.

Deshalb wechselte ich zu Brain Champ. Dort sollst du dein Hirn trainieren. Ein netter alter Chinese spricht dich immer mit Namen an und sagt dir, wie gut du gearbeitet hast. Tagelang habe ich mit diesem Spiel meine Konzentration und meine Logik trainiert. Kann man machen – muss man aber nicht machen. Irgendwann nerven die Aufgaben und wenn man mal nicht so toll gerechnet hat, dann erscheint da so ein leeres Gehirn und dadrüber steht unglücklich. Unverschämt.

Jedenfalls habe ich jetzt das perfekte Spiel gefunden: BLOCK’D. Da gibt es rote, gelbe und grüne Steine und die muss man vernichten. Wenn man gut ist, dann bekommt man in der nächsten Runde Blitze und Bomben und die hauen dann ganze Blöcke von Steinen weg. Da knallt und wackelt das Handy. Mittlerweile kann ich aus dem Bus aussteigen, nach Hause laufen und die Treppe hoch, ohne das Spiel zu unterbrechen. Mir ist nur noch nicht ganz klar, wann man bei dem Spiel neue Leben bekommt. Falls das jemand weiss – wäre ich sehr interessiert dran. Ich schaffe schon über 200 000 Punkte.
Leider tut mein Handgelenk ständig weh und ich befürchte, dass ich mir eine Sehnenscheidenentzündung erspielt habe. Scheiß Suchtverhalten, aber zum Abschalten echt genial.

Erste Erfolge

September 20, 2011

“Könntet ihr mir mal kurz helfen?” frage ich Katarina, Suszan und Elena, die sich in der großen Pause auf dem Gang vor meinem Raum rumdrücken.
“Ja, gerne Frau Freitag. Können wir unsere Sachen auch schon in den Raum bringen?”
“Klar, wartet mal, ich schließe eben auf. Und ich brauche ein paar Tische aus dem Nachbarraum, ich will nämlich gleich einen Test schreiben lassen, in der anderen Klasse und da soll jeder einen eigenen Platz haben.” erkläre ich
“Damit die nicht abschreiben können, oder?” fragt Suszan und grinst.
Ganz genau. Wir schleppen gemeinsam Tische und bauen eine mega frontale Sitzordnung.
Es sind noch 10 Minuten bis zum Unterricht. Eigentlich sollen alle Schüler auf dem Hof sein.
“Können wir drinnen bleiben?” fragt Elena. “Meinetwegen.” antworte ich geistesabwesend, denn ich sortiere die Englischarbeiten für die achte Klasse.
“Können wir an die Tafel schreiben?” fragt Katarina.
“Hmmm, könnt ihr.”
“Yippppihhhh, Frau Freitag, ich liebe Sie.” schreit Elena und nimmt sich die Kreide. “Ich liebe Sie.” …nur weil ich sie an die Tafel schreiben lasse. Meine Strategie in dieser Klasse zahlt sich schon aus. Ich hatte mir ja diesmal vorgenommen mich nicht so emotional auf sie zu stürzen, wie ich es in der letzten Klasse getan habe. Da war ich ständig an denen dran, habe immer zu mit denen geredet, mir alles erzählen lassen und am Ende war da zu wenig Distanz und dadurch wahrscheinlich nicht mehr genügend Respekt. Jetzt mache ich bei jeder Begegnung klar: ich bin der Chef. Ich bin die Lehrerin und ihr macht, was ICH sage. Ihr unterbrecht mich nicht, wenn ich spreche und ihr redet nicht mit mir, wie ihr mit euren Freunden redet. Es klappt ganz gut. Mein Wort ist Gesetz.

Ich sortiere Blätter und die drei Mädchen schreiben irgendwas an die Tafel und wischen es wieder weg. Es ist richtig gemütlich. Sie reden über ihre Geburtstage. Elena wird nächsten Freitag 13.
“Frau Freitag, wann haben Sie Geburtstag?” Ich sage es ihnen.
“Ohhhh, da müssen wir dann nächstes Jahr Geschenke kaufen.” sagt Katarina, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, seiner Lehrerin etwas zum Geburtstag zu schenken.
“In Russland schenken die Schüler ihren Lehrern immer voll viel.” erklärt sie. Ich drehe mich zu ihnen. “Ja? Was kriegen denn die Lehrer da so von den Schülern?”
“Also ich weiss nicht so genau, ich bin ja hier zur Schule gegangen, aber Elena muss das wissen, die ist ja erst zwei Jahre in Deutschland.
Ich gucke Elena erwartungsvoll an. Sie ist sehr schüchtern und spricht noch nicht viel, weil sie meint, dass ihr Deutsch so schlecht sei. “Also, sie schenken Blumen und so Kisten mit, äh, mit Schokolade. Und so Kartchen.”
“Blumen, oh, sehr schön und Schokolade… ich liiiiieeebe Schokolade.” sage ich und hoffe fest, dass sie sich das bis zu meinem Geburtstag merken werden. Ich muss diese Klasse besser trainieren. Jedes Jahr ein paar Geschenkchen zum Geburtstag und zu den Zeugnissen und dann die Hammerpräsente am letzten Schultag, wenn sie die Schule verlassen. Nie wieder möchte ich mit NICHTS ins Lehrerzimmer kommen.
Wenn ich weiterhin so distanziert und sachlich bleibe mit meinen Fuzzies, dann könnte das sogar klappen.

Der Rest von Frau Freitag

September 19, 2011

Montags ist bekanntlich Frau Freitags schwerster Arbeitstag, deshalb ist ihr heute auch nicht nach Schreiben zumute. Also schreibt jetzt der Freund.
Vorhin kam sie nach Hause und ihr war noch noch nicht mal nach Sprechen zumute. Mit schweren Beinen schleppte sie sich die Treppen hoch und wie so oft bin ich voller Mitleid ein paar Absätze entgegen gegangen, um ihr die schwere Schultasche abzunehmen. “Na, wie war´s? Sehr anstrengend?”, erkundige ich mich neugierig, als wir in der Küche sitzen. Ich sitze, sie liegt schon auf der Couch. Frau Freitag hat auch eine Couch in der Küche. “Sag du mal was, ich kann jetzt nicht reden.”, sagte sie mit vollen Bäckchen und hielt mir entkräftet ihren Teller entgegen. Offensichtlich war ihr selbst das Essen zu anstrengend. Ich kenne sonst niemand, der so isst wie meine Freundin. Sie stopft sich das Essen immer wie ein Backenhörnchen in die Backen und kaut dann von da aus weiter. Die Angewohnheit muß ihrer harten Kindheit in einer Großfamilie geschuldet sein, in der sich die Geschwister täglich um das Essen kloppten. Was einmal im Mund war, konnte nicht mehr von anderen Konkurrenten erbeutet, und später dann in Ruhe verdaut werden. Jetzt als Erwachsene macht die Strategie zwar scheinbar keinen Sinn mehr, aber das Backenhörnchenvorratsprinzip verfolgt sie auch ausserhalb ihrer Backen. Gestern hatte sie sich zum Beispiel im hintersten Winkel des Kühlschranks einen Rest Schokolade zurück gelegt. Der war heute allerdings leider verschwunden – in meinen Magen. Für das Aufstocken des verbrauchten Vorrats bin allerdings ich zuständig, denn Einkaufen liebt sie nicht. Die Häppchen, die ich ihr geschmiert hatte, hat sie dennoch nicht ganz aufgegessen. Aber weil Frau Freitag eine kuriose Person ist, die sich selbst in der verzweifeltsten Situation, ganz ohne einen Witz langweilt, hat sie mir auch noch etwas übrig gelassen. Man muß sie einfach lieben.


Anil auf dem heißen Stuhl

September 16, 2011

“Wo sind die anderen? Hat es nicht schon geklingelt?” Ich warte auf Anil, Hamid und Halil. Die Mädchen haben Sport und ich habe meine wöchentliche “Nur ich und die Jungs”-Stunde. Eigentlich sehr nett. Die Hälfte der Klasse ist klasse.
Hamid und Halil kommen rein: “Anil hatte einen Kampf mit ein Junge aus der Neunten.”
“Ja Mann, Frau Freitag, er ist voll frech. Auf dem Hof sagt er zu jeden Ausdrücke und dann sagt er immer ‘willst du kämpfen?'”
Und jetzt wollte wohl einer mal kämpfen. “Er war richtig frech und dann hat der Junge ihn geschlagen und dann hat Anil geheult.” Es klingelt.

“Fangt schon mal an zu arbeiten, ich gehe mal nach Anil gucken.” Im Treppenhaus kommt er mir entgegen. Seine Backe ist ganz rot und seine Augen leicht wässrig.”
“Was war denn los? Hattest du Stress?”
“Ich weiss auch nicht. Dieser Junge, er hat mich einfach gehauen.” sagt Anil.
“Wie, einfach so? Und du hast nichts gemacht?”
“Nein. Nichts. Ich hab nichts gemacht.”
“Na, komm erst mal rein und setz dich hin. Hol mal ein Blatt raus und schreib mal auf, was passiert ist.”
Anil nimmt ein Blatt aus seinem Rucksack.
“So, nun schreibe mal eine Überschrift. “Vorfall am 16.9.2011 um 12 Uhr” diktiere ich. Er schreibt: “Forfall am 16.9.2011 umd 12Uhr” darunter den Namen des Jungen und die Klasse. Dann hört er auf. Anil schreibt nicht gerne und vermeidet es deshalb nach Möglichkeit sich schriftlich mitzuteilen.

“Anil, hast du die Einladung an deine Mutter mitgebracht?” Er hat sie mit und legt sie mir vor. Dazu sein Hausaufgabenheft, in das jeder Lehrer sein Verhalten eintragen soll. “Warum schreiben Sie denn eigentlich immer nur was ich gemacht habe in das Heft?” fragt er.
“Na, weil das für DEINE Mutter ist. Ich kann ja deiner Mutter schlecht schreiben, dass sich Hamid im Deutschunterricht nicht gut benommen hat. An seine Mutter würde ich das ja auch schreiben, aber nicht an deine.”
“Aber ich störe doch nicht alleine. Die anderen…” Anil fühlt sich ungerecht behandelt und die Schlinge um seinen Hals, die sich von Tag zu Tag enger zuzieht, fängt an zu nerven.

“Vincent, komm mal kurz her.” ich möchte klären, ob sich seit Montag Anils Verhalten ihm gegenüber verbessert hat.
“Vincent, ärgert dich Anil immer noch?”
“Ja, er sagt immer noch Ausdrücke.”
“Gar nicht.” widerspricht ihm Anil.
“Doch, als du dich beim Sport vorgedrängelt hast, da habe ich dich angemeckert und da hast du gleich wieder Ausdrücke gesagt.”
Jetzt kommt auch Maurice. “Und er beleidigt immer meine Familie und die Toten.”
“Mach ich gar nicht.” sagt Anil.
“Doch das machst du. Warum lügst du jetzt?” fragt ihn Volkan. Mittlerweile stehen sieben Jungs um uns herum und Anil sitzt auf der Anklagebank.
Ich übergebe die Gesprächsleitung an Erhan. “Erhan, moderiere du das mal. Nimm aber nur die dran, die sich melden und wenn Anil etwas sagen möchte, dann darf er das natürlich auch.”

Halil meldet sich. Erhan hält ihm seine Faust unter die Nase während er spricht. Es dauert kurz bis ich merke, dass er ihm ein imaginäres Mikrofon anbietet. “Erhan, wir brauchen kein Mikro, wir sitzen ja alle ziemlich eng hier und können uns ganz gut verstehen.”

Und dann geht es los. Jeder packt aus. Anils sämtliche Verfehlungen werden besprochen.
“Warum sagst du immer zu Marie, ob es schön war Vincent einen zu blasen?”
“Warum erzählst du rum, dass Marie im Tischtennisraum gestrippt hat?”
“Du sagst immer ‘du kannst was erleben nach der Stunde’ und du bedrohst immer die anderen.”
“Warum beleidigst du meine Familie?”
“Immer willst du kämpfen und jetzt hattest du deinen ersten Kampf und dann hast du gleich geheult.”

Anil hört sich alles an, streitet die Hälfte ab, gibt einige Sachen zu und sitzt, als alle gegangen sind noch alleine an seinem Platz. Dann geht er. Er sieht traurig aus. Traurig und nachdenklich. Ich hoffe sehr, dass er jetzt endlich mal anfängt über sein Verhalten nachzudenken.


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