Archive for Dezember 2010

Warum ich hier schreibe

Dezember 5, 2010


Also ehrlich gesagt, bin ich den zwei Herren – Evalusin und Lehrer Gerke dankbar für die kritischen Kommentare, denn sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Den ganzen Tag habe ich darüber gegrübelt, warum ich hier eigentlich täglich schreibe. Und ich will euch mal erzählen, wie das alles anfing:

Also, ich bin Lehrerin – wirklich!!!!! Wäre ich nur eine geschickte Boggerin, dann hätte ich mir wahrscheinlich einen anderen Beruf ausgesucht, über den ich schreiben würde. Und mal ehrlich – ich habe hier schon ein ziemliches Insiderwissen, das hat der Normalblogger nicht. (Werden mir die Lehrerleser bestätigen.)

Vor ein paar Jahren, als meine Klasse in der Achten war, stand ich kurz vorm Burn-Out. Die waren so anstrengend und wenn ich manchmal mehrere Stunden hintereinander bei denen hatte, dachte ich ich drehe durch. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen, hatte schon ein ständiges Pfeifen im Ohr, Stimmbandknoten und Augenzucken. Ich ging echt auf dem Zahnfleisch. Eines Tages dachte ich: Jetzt klappe ich zusammen und ging zur Schulleitung: “Schulleitung, ich kann nicht mehr. Ich drehe durch, ich bin kurz davor einem Schüler eine zu scheuern.” Ich wollte Hilfe. Man riet mir zu Yoga.

Ich ging neun Monate jeden Tag (ungelogen!!!) jeden Tag 90 Minuten Yoga machen. Es wurde etwas besser. Ich konnte besser schlafen und war recht gelenkig. Aber so richtig super fühlte ich mich noch nicht.
Jeden Tag passierten so viele Sachen in der Schule. Ich konnte nie gleich nach Hause gehen. Ich musste mir erst alles von der Seele quatschen, mir Rat und Zuspruch holen. Ich laberte und laberte. Alle musste dafür herhalten: Der Freund, der Deutschlehrer, Frau Dienstag und natürlich Frl. Krise.
Und ich schrieb emails. Wenn mich jemand fragte: Wie geht’s so? Dann schrieb ich, was in der Schule los war. Das tat gut. Ich fing an mehr zu schreiben und es war jedes Mal eine Erleichterung und machte mir Spaß.

Ich fing an zu erzählen, dass ich einen Blog/ein Blog schreiben möchte. Mein Freund richtete mir alle ein. Geschrieben habe ich dort ein Jahr nicht. Aber ich erzählte dauernd, dass ich ein/en Blog schreiben werde. Irgendwann sagte der Deutschlehrer: “Das wird langsam zur Lebenslüge.” Das saß und ich schrieb den ersten Eintrag.

Seitdem schreibe ich täglich. Oft, weil das Erlebte einfach aus mir raus muss. Das ist wie, wenn einem total schlecht ist und man weiss, dass man sich viel besser fühlt, wenn man sich übergibt. Oder wie ein Dampfkochtopf, wo man den Druck ablassen muss. Und es ging mir nie darum die Schüler irgendwie vorzuführen oder bloßzustellen, im Gegenteil, wenn ihr wüsstet, was ich alles NICHT schreibe. Oft erzähle ich Sachen, die passiert sind und sage sofort: “Schade, dass ich das nicht schreiben kann.” Es ging eigentlich immer darum, dass es mir besser geht. An Leser habe ich gar nicht gedacht. Es gibt ja auch keine Verlinkungen oder Schlagwörter. Woher die Leser kamen weiß ich gar nicht. Wie so was funktioniert – keine Ahnung. Plötzlich kamen ein paar und dann mehr und mehr. Der Impuls zu schreiben ist aber immer noch der, dass es raus muss. Jetzt bin ich natürlich nicht mehr so gestresst, wie damals. Also nicht mehr ständig.

Ich denke übrigens, dass meine Schüler genug Humor haben, das alles hier richtig einzuschätzen und sich nicht bloßgestellt zu fühlen. Die sind viel zu cool dafür. Das sind keine armen schutzlosen Opfertypen, die nichts abkönnen. Ist ja nicht so, dass ich im Unterricht so ganz anders mit denen umgehe. Wenn die was besonders Bescheuertes sagen, dann stelle ich sie doch auch sofort im Unterricht bloß und nicht erst hier im Blog. Die wissen schon, was ich von ihnen halte und die wissen vor allem, dass ich sie respektiere wie sie sind und dass ich sie mag. Und sie wissen auch, das sie mir oft auf die Nerven gehen. Und ich weiss, dass ich ihnen oft auf die Nerven gehe.

So. Ist doch eigentlich alles recht nachvollziehbar. Dieser Blog bewahrt mich vorm Burn-Out und euch davor meine Frührente zu zahlen.
Und wenn ich mal ein wenig drastisch werde, dann weil meine Berufsrealität eben auch drastisch ist. Ich finde, dass darf ich auch ruhig sein, denn ich gehe schließlich jeden Tag dort hin und stelle mich der Herausforderung. Und die, die auch täglich an der Front sind wissen, wie viel schwerer es ist ein guter Lehrer zu sein, als darüber zu schreiben, wie ein guter Lehrer sein sollte.
Und falls das noch nicht allen klar ist: Ich liebe meine Job und ich finde meine Schüler super!

Der gequälte Lehrer antwortet

Dezember 4, 2010


Endlich bekomme ich mal kritische Kommentare. Erst evalusin und nun Lehrer Gerke. Da ich heute gar nicht in der Schule war und ich auch bei facebook nichts gefunden habe, womit ich die Schüler mal wieder vorführen kann, möchte ich auf diesen Kommentar antworten.

Hallo, Frau Freitag,
Mert verhält sich halt wie ein Schüler, der sich nach Aufmerksamkeit sehnt und pubertär provokatorisch. Das lernt man in jedem Pädagogik-Proseminar.

Ich: Sorry, aber es ist mir völlig egal, warum sich Mert so verhält. Sein Verhalten stört einfach den Unterricht. Ich denke viel darüber nach, WARUM sich die Schüler so oder so verhalten. Noch nie hat mir die Erkenntnis des WARUM in irgendeiner Weise geholfen. Klar. Er sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Das tun die anderen 25 aber auch. Vielleicht hat er aber auch Stress zu Hause oder ein Furz sitzt schief. Was kann ich mit diesem Wissen anfangen? Ich muss doch reagieren und ich bin dafür verantwortlich, dass die anderen, die was lernen wollen auch was lernen können.

Kommentar:
In diesem Blog geht es aber auch gar nicht um Pädagogik, sondern darum, wie evolusin schon sagt, Schüler im Netz bloßzustellen und reißerisch und publikumswirksam Aufmerksamkeit das Spiel „armer Lehrer ständig von Schülern gequält“ zu spielen.
Ich: Genau. Nur darum geht es.

Kommentar:
Vielleicht aber ist Frau Freitag auch gar keine Lehrerin, sondern nur eine geschickte Bloggerin? Das wäre noch die beste Variante. Wenn alles nur erfunden wäre, wäre es eine Geschichte und niemand müsste Angst haben, dass es Schüler gibt, die ihren pädagogischen Bemühungen unterliegen. Nur dann sollten Sie die Leserschaft über Ihre eigentlichen Absichten in Kenntnis setzen.

Ich: Ertappt. Ich bin nur eine geschickte Bloggerin. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass sich Schüler so verhalten. So bescheuert, so abartig, so politisch unkorrekt, so antisemitisch, so dumm und hirnlos. Wer glaubt denn, dass es wirklich solche Schüler gibt? Das wäre doch schrecklich, wenn die auch nur ein winziger Teil unserer Gesellschaft wären. Und wenn es wirklich solche Schüler geben würde, dann sollte man sie doch nicht auch noch in der riesengroßen Netzöffentlichkeit bloßstellen. Also liebe Leser, ich gebe zu, alles ausgedacht. Aber ihr müsst auch zugeben, das ein oder andere Mal seid ihr mir auf den Leim gegangen. Gebt zu, ihr habt wirklich gedacht, dass es diesen Abdul und diesen Mert gibt. Aber so eine Lehrerin? So unpädagogisch – hallo – die hätte doch schon längst ihren Job verloren… An unseren Schulen arbeiten doch nicht solche gemeinen und zynischen Menschen wie diese Frau Freitag (by the way, bei diesem Frl. Krise würde ich auch mal genauer hingucken.)

Kommentar:
So wäre es mir möglich gewesen, die Umwelt wissen zu lassen, wie schrecklich es ist, traumatisierte Pflegekinder zu betreuen; es gäbe jeden Tag neue Gruseleien zu berichten. Stattdessen ist es aber meine Absicht, unter http://traumakinder.wordpress.com die Interessen dieser Kinder zu vertreten, und das gebe ich auch so an. Ich gebe auch an, dass ich kritisch mit den Ämtern ins Gericht gebe, so weiß jeder, worauf er sich einlässt.

Ich: Den Anfang verstehe ich gar nicht. Vielleicht doch mal ein paar Gruselgeschichten… ist auf jeden Fall publikumswirksam. Aber publikumswirksam ist auch, bei mir einen link zu setzen. Liebe Leser, geht mal alle auf diesen link und zu evalusine auch, die soll ja auch nicht ungelesen sterben.

Kommentar:
Evolusins Blog sehe ich dagegen als fachmännisch und ernsthaft. Deshalb werde ich ihn auch weiter lesen.

Ich: Ist Evolusin nicht eine Frau? Ich meine ja nur so weil hier fachmännisch steht. Und nee, meine Blog ist nicht fachmännisch und auch nicht ernsthaft. Weil ich auch kein ernster Fachmann bin. Klingt aber sehr spannend und ich wünsche noch viel Spaß oder viel Ernst beim Lesen. Und falls der letzte Satz heißt: Ich lese nur noch da und nicht mehr hier… schade. Aber ich kann ja auch niemanden zwingen, meinen bloßstellenden unfachmännischen Quatsch hier zu lesen.

Kopfschmeeeeerzen

Dezember 3, 2010


Mit Kopfschmerzen geht ja nun gar nicht. Nichts geht da. Nur ich in die Schule. Hätte ich mal nicht machen sollen. Und dann Siebte Klasse. Die mit Cigdem. Sie die ganze Stunde mit Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen. Ich ohne Kranft zu sagen: Zieh aus.

Mit Kopfschmerzen werden die Gespräche der Schüler echt unerträglich.

Haram: “Die Warze muss weg.”
Halal: “Was du Hurensohn, ich stopf alle Löcher von deine Mutter.”
Haram: “Deine Oma.”
Halal springt auf, will Haram schlagen.
Ich, kraftlos: “Was denn jetzt? Du hast doch damit angefangen.”
Halal: “Ich ficke sein Vater, dreckiger Hurensohn.”

Und dann regen sich Haram und Halal aber gemeinsam so dermaßen darüber auf, dass die Polizei in ihre Wohnungen kam und die Schuhe angelassen hat und bei haram hätten sie sogar noch einen Hund dabei gehabt.

In dreckigster Art und Weise wird vor mir geredet, aber zum Naseputzen gehen sie vor die Tür.
Mit Kopfschmerzen ist diese elende Doppelmoral echt nicht zu ertragen.

Nicht mal Cigdems Frage: “Frau Freitag, wussten Sie es gibs Schwarze die machen so Teller in die Lippen” konnte mich besser draufbringen. An solchen Tagen hilft nur noch die Couch und gepflegtes Ablästern mit Frl. Krise.

Einsatz moderner Medien im Unterricht fetzt

Dezember 2, 2010

Heute der Durchbruch!!!! Ich bin KING TEACHER!!!!! Ihr wollt wissen, wie das ist? SUUUUPER!!! Ach, ihr wollte wissen, wie das geht? Okay, dann mal aufgepasst:

Als ich heute morgen aus dem Fenster sah und alles in schönsten Schnee gehüllt vor mir lag, war mein erster Gedanke: Scheiße, die Siebte habe ich direkt nach der großen Pause, na toll. Die werden total durchweicht, mit Schneebällen und hochroten Köpfen in meinen Raum stürmen und alles nass machen.

Im Lehrerzimmer sehe ich auf dem Vertretungsplan auch noch, dass eine Englischkollegin fehlt und die Schüler (ein paar aus ihrem Kurs) zu mir in die Gruppe kommen sollen. Na, das kann ja heiter werden – wie Frl. Krise immer sagt. Ich wappne mich mit einem Vokabeltest und der halbgaren Vorbereitung und begeben mich gehe in Richtung Waterloo.

Die Schüler erscheinen, setzen sich, sie sind recht trocken, einige wissen sogar noch, dass ich einen Test angekündigt habe und lechzen jetzt nach den Blättern, weil sie mit jeder verstreichenden Sekunde die Vokabeln wieder vergessen könnten. Wie übervolle Wassergläser, die man durch den Raum trägt, aus denen das ganze Gelernte raus schwappen kann. Die meisten allerdings lassen das typische: “Ohaaaa, Test? Haben Sie nicht gesagt.” hören.

Sie schreiben den Test, alles läuft in recht gesitteten Bahnen. Nur Mert nervt. Mert sitzt direkt vor meiner Nase. Mert nervt immer. Er macht Geräusche. Wenn ich an der Tafel schreibe, dann klatscht er unterm Tisch. Er öffnet das Buch nicht, wenn ich sage: “Öffnet das Buch.” Er schreibt nicht, wenn ich sage: “Schreibt.” Er ist nicht still, wenn ich sage: “Seid still.” Er macht eigentlich nie das, was ich sage. Wenn alle im Buch lesen und er sich langweilt, dann fragt er mich zehnmal hintereinander: “Auf welcher Seite sind wir?” Er müsste nur zu Deliah gucken, die direkt neben ihm sitzt. Macht er aber nicht. Nein, er fragt mich. Immer wieder. Ich reagiere nicht. Dann gibt er irgendwann auf: “Ich kann ja nicht mitmachen, Sie sagen mir ja nicht auf welcher Seite wir sind.”

So geht das nun schon seit einigen Wochen. Der Rest der Gruppe arbeitet im Großen und Ganzen gut mit. Na, sagen wir mal: einige arbeiten immer mit, einige nie, aber niemand stört so penetrant und permanent, wie Mert. Jede Stunde biete ich ihm einen Neustart an. Nie schaffen wir einen Neustart. Jede Stunde fängt er wieder an zu stören und ich werde sauer oder ignoriere ihn.

Heute sehe ich mitten im Unterricht, dass er die Backen voll hat. “Mert, was hast du da im Mund?” “Haribo.” “Sag mal geht’s noch? Jetzt ist Unterricht. Da wird nicht gegessen!” Er grinst nur. Wenig später sehe ich ihn wieder kauen und nicht mitarbeiten. Und als er noch sein Trinken rausholt und genüsslich seinen Durst löscht, reicht es mir. Ich gehe hektisch an meinen Schreibtisch und setzte mich hin. Dann gucke ich in meine Schultasche – eine reine Übersprungshandlung, weil ich gar nicht weiß, was ich machen will und da sehe ich eine Klassenliste mit den Adressen und Telefonnummern der Schüler. In meiner Strickjackentasche ist mein Handy. Ich nehme es raus und sage ruhig: “Okay Mert, dann rufe ich jetzt einfach deine Mutter an und erzähle der mal, wie du dich hier benimmst.” Die Klasse hält den Atem an. Ich wähle. “Lieber eins und eins Kunde, diese Nummer ist leider nicht vergeben.” Mist. Vielleicht habe ich mich nur verwählt. Ich versuche es nochmal und siehe da:

“Efendim…” Merts Mutter meldet sich am anderen Ende der Leitung. Ich stehe auf und gehe zur Tür: “Ja, guten Tag, hier ist Frau Freitag, die Englischlehrerin von Mert. Wir sind gerade im Unterricht und der Mert stört den Unterricht so sehr, dass die anderen Schüler gar nicht richtig lernen können.”

Dann gehe ich vor die Tür und sage ihr, dass sie doch mal am Abend mit ihrem Sohn sprechen soll und dass er sich morgen besser benehmen muss, da ich sie sonst zu einem Gespräch in die Schule bitten müsste. Als ich wieder in die Klasse komme: Totenstille. Streng und bestimmt sage ich: “Noch jemand Bedarf nach einem Elterngespräch heute Abend?” Hat wohl niemand, denn der Rest der Stunde läuft ruhig und geordnet, bis zum Klingeln. Mert holt noch einmal kurz zu einem Störversuch aus. Ich hole mein Handy raus und flüstere: “Pass auf, ich drücke einmal die Wahlwiederholung und sage deiner Mutter, dass sie kommen soll, um dich abzuholen.” Sofort ist er leise und arbeitet mit und findet sogar die richtigen Seiten im Buch.

Und mit dem Satz: “Boahhhh, sie ist strenger als Frau Hinrich!” wird mir mir noch der Ritterschlag verliehen. Ich bin hin und weg. Endlich geschafft – so muss sich das Paradis anfühlen!!!!!

Das Gehirn

Dezember 1, 2010


Heute mal was aus der Kategorie: Es ist günstiger, wenn man sich Gesichter merken kann, als wenn man das nicht kann.
Eigentlich habe ein Supergedächnis. Oft werde ich beneidet, vor allem von meinem Freund, dass ich mir alles, wirklich alles merken kann. Das nutzloseste Wissen wird in den unendlichen Weiten meines Hirns dauerhaft abgespeichert. Möchte jemand den Geburtstag der Exfreundin meines Exfreundes wissen? Interessiert jemand meine Telefonnummer, die wir hatten als ich acht war? Oder das Autokennzeichen von dem blauen Käfer, den meine Mutter fuhr, als ich neun war und wann werde ich mal mitteilen müssen, an welchem Tag meine beste Freundin in der Grundschule zum ersten Mal ihre Tage bekommen hat. Ich würde gerne, aber ich kann diesen ganzen Informationsmüll einfach nicht löschen. Es war der 14.4.

Jedenfalls dürfte mir Supermemorybrain sowas wie heute eigentlich nicht passieren.

Ich will gerade die Schule verlassen, da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, der mir sehr bekannt vorkommt. “Frau Freitag, schön dich zu sehen.” begrüßt er mich. Ich erinnere mich auch an ihn. Er hatte vor ein paar Jahren mal bei uns unterrichtet. Jetzt steht er da, mit einer großen Schachtel Pralinen. Er erzählt und erzählt, an welchen Schulen er überall unterrichtet hat und, dass er jetzt zu uns wechseln möchte und dort sein Referendariat machen will.
Ich gucke ihn die ganze Zeit an und versuche ihn einzuordnen.

Dann hab ich es: Das ist der Referendar, der in meiner Klasse unterrichtet und nur Chaos veranstaltet hat. Ein Opferlehrer aller erster Güte. Damals hatte ich nur Ärger. Die Schüler haben sich über ihn und er sich über die Schüler bei mir beschwert. Grauenhafte Erinnerung visualisieren sich vor mir. Abdul zeigte mir mal Handyfotos von einem völlig verwüstetem Raum. “Höhöhö, Frau Freitag, gucken Sie, so ist es immer in Erdkunde.” Irgendwann war er dann weg. Hat die Schule gewechselt. Lange hieße es, den hat meine Klasse auf dem Gewissen. Meine Schüler suhlten sich noch monatelang in diesem fragwürdigen Ruf.
“Ich dachte, dass ich das Referendariat dann hier mache. Am Gymnasium hat man doch nur Ärger mit den Eltern.”
“Wiiiieeee bei uns willst du das machen? Aber das ist doch so hart bei uns. Bei uns hast du dann immer Ärger mit den Schülern. Du hattest doch so viel Stress mit den Schülern…”
“Nööö, die Schüler mochten mich eigentlich immer.”
Wie jetzt, die mochten den immer? Meine Klasse hat ihn gehasst. Ich verstehe gar nichts mehr. Was ist das für ein Masochist? Der hatte doch extra die Schule gewechselt und jetzt will er zurück.
Er versucht mich zu überzeugen, wie gut das wäre, gerade an unserer Schule das Referendariat zu machen und ist irritiert davon, wie vehement ich versuche es ihm auszureden.

Irgendwann gebe ich auf: “Du ich muss los. Na, ich würde mir das an deiner Stelle nochmal überlegen. Klar, das Kollegium ist super bei uns, aber in den Klassen bist du ja alleine. Da hilft dir dann auch kein nettes Kollegium. Naja, musst du ja wissen.”

Dann latsche ich zum Bus. Komisch, der war doch schon im Referendariat. Hatte der damals nicht ganz mit dem Lehrerwerden aufgehört? Und wie lange ist das denn her? Da war doch meine Klasse in der Achten. Jetzt sind sie Zehnte…

Und dann wird mir plötzlich schlagartig klar, was passiert ist: Ich habe ihn verwechselt. Dieser Typ eben war nur mal kurz Vertretungslehrer bei uns. Nett, kam gut klar, immer easy und wie er schon sagte, bei den Schülern sehr beliebt. Au Backe, wie peinlich… und was ich dem alles gesagt habe…sogar, dass er doch damals wegen meiner Klasse aufgehört hat. Ob er sich denn daran gar nicht mehr erinnern kann. Dabei hat er meine Klasse nie unterrichtet. Peinlich!


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