Also ehrlich gesagt, bin ich den zwei Herren – Evalusin und Lehrer Gerke dankbar für die kritischen Kommentare, denn sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Den ganzen Tag habe ich darüber gegrübelt, warum ich hier eigentlich täglich schreibe. Und ich will euch mal erzählen, wie das alles anfing:
Also, ich bin Lehrerin – wirklich!!!!! Wäre ich nur eine geschickte Boggerin, dann hätte ich mir wahrscheinlich einen anderen Beruf ausgesucht, über den ich schreiben würde. Und mal ehrlich – ich habe hier schon ein ziemliches Insiderwissen, das hat der Normalblogger nicht. (Werden mir die Lehrerleser bestätigen.)
Vor ein paar Jahren, als meine Klasse in der Achten war, stand ich kurz vorm Burn-Out. Die waren so anstrengend und wenn ich manchmal mehrere Stunden hintereinander bei denen hatte, dachte ich ich drehe durch. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen, hatte schon ein ständiges Pfeifen im Ohr, Stimmbandknoten und Augenzucken. Ich ging echt auf dem Zahnfleisch. Eines Tages dachte ich: Jetzt klappe ich zusammen und ging zur Schulleitung: “Schulleitung, ich kann nicht mehr. Ich drehe durch, ich bin kurz davor einem Schüler eine zu scheuern.” Ich wollte Hilfe. Man riet mir zu Yoga.
Ich ging neun Monate jeden Tag (ungelogen!!!) jeden Tag 90 Minuten Yoga machen. Es wurde etwas besser. Ich konnte besser schlafen und war recht gelenkig. Aber so richtig super fühlte ich mich noch nicht.
Jeden Tag passierten so viele Sachen in der Schule. Ich konnte nie gleich nach Hause gehen. Ich musste mir erst alles von der Seele quatschen, mir Rat und Zuspruch holen. Ich laberte und laberte. Alle musste dafür herhalten: Der Freund, der Deutschlehrer, Frau Dienstag und natürlich Frl. Krise.
Und ich schrieb emails. Wenn mich jemand fragte: Wie geht’s so? Dann schrieb ich, was in der Schule los war. Das tat gut. Ich fing an mehr zu schreiben und es war jedes Mal eine Erleichterung und machte mir Spaß.
Ich fing an zu erzählen, dass ich einen Blog/ein Blog schreiben möchte. Mein Freund richtete mir alle ein. Geschrieben habe ich dort ein Jahr nicht. Aber ich erzählte dauernd, dass ich ein/en Blog schreiben werde. Irgendwann sagte der Deutschlehrer: “Das wird langsam zur Lebenslüge.” Das saß und ich schrieb den ersten Eintrag.
Seitdem schreibe ich täglich. Oft, weil das Erlebte einfach aus mir raus muss. Das ist wie, wenn einem total schlecht ist und man weiss, dass man sich viel besser fühlt, wenn man sich übergibt. Oder wie ein Dampfkochtopf, wo man den Druck ablassen muss. Und es ging mir nie darum die Schüler irgendwie vorzuführen oder bloßzustellen, im Gegenteil, wenn ihr wüsstet, was ich alles NICHT schreibe. Oft erzähle ich Sachen, die passiert sind und sage sofort: “Schade, dass ich das nicht schreiben kann.” Es ging eigentlich immer darum, dass es mir besser geht. An Leser habe ich gar nicht gedacht. Es gibt ja auch keine Verlinkungen oder Schlagwörter. Woher die Leser kamen weiß ich gar nicht. Wie so was funktioniert – keine Ahnung. Plötzlich kamen ein paar und dann mehr und mehr. Der Impuls zu schreiben ist aber immer noch der, dass es raus muss. Jetzt bin ich natürlich nicht mehr so gestresst, wie damals. Also nicht mehr ständig.
Ich denke übrigens, dass meine Schüler genug Humor haben, das alles hier richtig einzuschätzen und sich nicht bloßgestellt zu fühlen. Die sind viel zu cool dafür. Das sind keine armen schutzlosen Opfertypen, die nichts abkönnen. Ist ja nicht so, dass ich im Unterricht so ganz anders mit denen umgehe. Wenn die was besonders Bescheuertes sagen, dann stelle ich sie doch auch sofort im Unterricht bloß und nicht erst hier im Blog. Die wissen schon, was ich von ihnen halte und die wissen vor allem, dass ich sie respektiere wie sie sind und dass ich sie mag. Und sie wissen auch, das sie mir oft auf die Nerven gehen. Und ich weiss, dass ich ihnen oft auf die Nerven gehe.
So. Ist doch eigentlich alles recht nachvollziehbar. Dieser Blog bewahrt mich vorm Burn-Out und euch davor meine Frührente zu zahlen.
Und wenn ich mal ein wenig drastisch werde, dann weil meine Berufsrealität eben auch drastisch ist. Ich finde, dass darf ich auch ruhig sein, denn ich gehe schließlich jeden Tag dort hin und stelle mich der Herausforderung. Und die, die auch täglich an der Front sind wissen, wie viel schwerer es ist ein guter Lehrer zu sein, als darüber zu schreiben, wie ein guter Lehrer sein sollte.
Und falls das noch nicht allen klar ist: Ich liebe meine Job und ich finde meine Schüler super!