Manchmal kommt es anders, als geplant

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Aus meiner angekündigten emotionslosen Arbeitsrückgabe wurde heute nichts. Erstmal hatte ich die Siebte Klasse. Und nun ratet mal, wer heute am allerbesten mitgearbeitet hat. Mert. Er saß direkt vor mir, hat zugehört und sofort mit der Aufgabe angefangen. Ich habe ihn immer wieder gelobt und ermutigt. “Soll ich das so machen, Frau Freitag?” Er hält mir seinen Block unter die Nase.
“Genau so. Super. Du arbeitest heute echt gut mit, Mert.”
Er lächelt. “Können wir das auch mal vorspielen?” (Sie erarbeiten sich gerade kleine Szenen.)
“Ja, das SOLLT ihr nachher sogar schon vorspielen.”
“Jippppy, das haben wir auch immer in der Grundschule gemacht.”

Alles lief heute super mit dem bloßgestelltem Mert und am Ende habe ich ihn vor allen anderen gelobt und er hat auch eine der besten Mitarbeitsnoten bekommen. Beim Rausgehen habe ich noch gesagt: “Mert, sag deiner Mama, einen schönen Gruß und dass ich heute sehr zufrieden mit deiner Mitarbeit und deinem Verhalten war.” Er lächelt und verabschiedet sich mit einem freundlichem: “Einen schönen Tag noch.”

Dann die Rückgabestunde, auf die ich mich schon gefreut habe. Mein Ärger ist wie verflogen. Die Arbeiten sind in meiner Tasche. Ich habe beschlossen, sie am Ende zurückzugeben. Der Anfang des Unterrichts verzögert sich, weil wir einen massiven “Er hat zwar mit Schneebällen geworfen, aber als der andere dann auf ihn geworfen hat ist er sauer geworden”-Konflikt klären müssen. Peter kann gerade noch verhindern, dass ein Stuhl geworfen wird und ein Schüler wird von mir nach draußen geschickt, um sich abzuregen. Schonmal einer weniger.

Aber wo sind die anderen? Es sind nur 5 Schüler da. Heute findet so eine Musikveranstaltung bei uns in der Schule statt. Emre, Abdul und Bilal machen da mit und Marcella auch. Hatte ich ganz vergessen. Also noch mal 4 weniger. Fehlen aber trotzdem noch ungefähr 7 oder so. Hassan bietet sich an, bei der Musikveranstaltung nach den anderen zu suchen. Er meint, die hängen da schon den ganzen Tag als Zuschauer rum, obwohl sie wissen, dass sie das nicht dürfen. Er kommt wieder und sagt, dass sie nicht kommen wollen. Ich gehe runter und erwische zwei, die ich mit nach oben nehme. Drei entkommen mir und ich trage sie als unentschuldigt ein und beginne mit dem Unterricht. Es sind nur 7 Schüler da. Es ist ruhig und gemütlich.

Hassan zeigt mir einen Brief: “Vallah, ja, gucken Sie Frau Freitag, was ich bekommen habe.” Ich sehe einen Adler auf dem Brief. “Ist das von der Bundeswehr?”
“Ja.” Es ist die Einladung zur Musterung, oder die Vorstufe dazu. “Frau Freitag, ja, ich verstehe nichts. Was soll ich da machen?” Zugegeben, es ist viel Text und den müsste man lesen. Da gibt Hassan natürlich auf und fragt lieber Frau Freitag. Wir reden über die Wehrpflicht, ich erkläre den Unterschied zwischen Zivildienst und Wehrdienst. Hassans Brief nehme ich mit. “Können Sie bitte heute Abend meine Mutter anrufen und ihr das erklären?” “Ja kann ich.”

Im Bus habe ich den Bescheid gelesen und dann einen jungen Mann gefragt, ob er so was auch schon bekommen hat. Der hat mir ganz freundlich alles erklärt. Nachmittags habe ich dann noch kurz mit einer Frau von der Bundeswehr telefoniert und mich erkundigt, wie Hassan seinen Wunsch nach Zivildienst äußern kann und gleich muss ich seine Mutter anrufen.

Aber zurück zur heutigen Englischstunde. Flexibel weiche ich von meiner Planung ab und übe mit denen die da sind für die mündliche Prüfung. Sie arbeiten in Gruppen und alle machen mit. Am Ende spielen wir Prüfung und ich gebe ihnen Tipps, wie sie ihr Englisch verbessern können. Sie hören aufmerksam zu. Kurz vorm Klingeln gehe ich zu meiner Tasche: “Ach, hätte ich fast vergessen. Hier, eure Arbeiten.” Sie nehmen sie, gucken drauf, vergleichen ihre Noten, stellen mit mir gemeinsam die Stühle hoch und gehen.

Komisch heute hatte ich weder Wut, noch musste ich Emotionslosigkeit spielen. Ich habe einfach die Arbeiten zurückgegeben. Am Ende einer Stunde, in der die meisten ziemlich gut mitgearbeitet haben. Waren aber auch nur 7.

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16 Antworten to “Manchmal kommt es anders, als geplant”

  1. renosch Says:

    Na, das dicke Ende wird wohl noch kommen, wenn sie zu Hause (so sie es denn tun) in ihre Arbeiten schauen.

  2. Mrs. Pink Says:

    Ach, angesichts dieser ganzen hitzigen Diskussion damals finde ich es jetzt wirklich super, dass diese “unpädagogische” Sanktion des Bloßstellens nun genau den gewünschten Effekt hatte. Ich gratuliere herzlich! :-D
    Herzlichen Glückwunsch auch, dass Sie die Arbeiten so locker zurück geben konnten, ohne wieder auf eine emotionale Ebene zu kommen! Wie haben die Schüler denn auf die Noten reagiert? Haben sie sich wenigstens betroffen gezeigt? Vor allem, nachdem sie ja davor gesehen haben, dass sie die Prüfung irgendwie bewältigen könnten, wenn sie wollten.

  3. derretter Says:

    na dann liefs doch ausnahmsweise mal echt super heute =)
    Klammer dich an das positive, alles andere zieht nur runter ;)

    Übrigens:
    Diskutiere niemals mit einem Idioten!
    Er zieht dich auf sein Niveau, und schlägt dich mit Erfahrung^^
    (frag mich nicht nach einem Zusammenhang, kam mir gerade in den Sinn)

    Grüße

  4. Herr Nuss Says:

    Entschuldigen Sie Frau Freitag, aber ich muss jetzt mal ganz dumm fragen. Was bedeutet dieses vallah????? Der Sinn bleibt mir bis heute verschlossen. Können sie mir helfen?
    PS: Eine wirklich schöne Rückendeckung haben sie da!!

  5. fraufreitag Says:

    Ach Frau Freitag, sie sind echt zu gut für diese Welt…..also, der Hassan hätte schon mal schön selbst anrufen können…..meinetwegen mit ihrer Unterstützung…

  6. Nadine Says:

    Hat wirklich jemand “King Lehrerin” geschrieben??? Das waren sie doch selbst… ;o)

  7. bitbull Says:

    booh, tatsächlich, der Scan.
    aber das “doof” hatte ich mir eigentlich kleiner und zittriger vorgestellt, und ohne Ausrufezeichen.

    Trotzdem niedlich. Doof.

  8. Shannon Says:

    Das Sie uns das Ausrufezeichen vorenthalten haben, hatte nicht zufällig einen Grund…? ;)

  9. eisenschaedel Says:

    boaah, vallah, frau freitag
    du must echt mal pause tun

    und scheiss auf schi in´n alpen oder berge
    musst kumpelsaufn mit kumpels

    buddel

  10. ncored Says:

    gratulation zur gelungenen musikauswahl. gute band

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