Wenn der Lehrer als Mensch entdeckt wird

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Heute war mal wieder so ein Tag, da war alles dabei. Aber vor allem wurde heute viel gequatscht. Nebenbei wurde noch so ein wenig vor sich hingearbeitet, aber jetzt, so kurz vor den Zeugnissen will man sich ja auch nicht übernehmen.

Ich liebe diese Tage, wenn eigentlich alles getan ist, die Kopfschmerzen abgeklungen sind und die Schüler friedlich an ihren Arbeiten rumwurschteln. Dann habe ich Zeit zum Aufräumen. Heute habe ich mit einigen Schülerinnen die Tuschkästen sauber gemacht und neue Farben einsortiert. Sehr handlungsorientierte Tätigkeit und sogar die Poduktorientierung kommt nicht zu kurz, denn man sieht sofort, was man geschafft hat.

Und in solchen Stunden ist die Stimmung immer gut. Dann trauen die Schüler sich auch mal was Persönliches zu fragen. Aber Achtung! Nicht alle Fragen sollte man als Lehrer beantworten, auch wenn man sich noch so sehr darüber freut, dass man ansatzweise als Mensch wahrgenommen wird. Typische Schülerfragen, in netten Stunden:

“Sind sie verheiratet?” Kann man ruhig beantworten. Verneint man, folgt: “Habe Sie einen Freund?” “Wie lange sind Sie schon zusammen?” “Sieht der gut aus?” “Wo haben sie sich kennengelernt?” – von diesen Fragen muss man nicht alle beantworten.

Heute bekam ich eine nette Frage: “Frau Freitag, hören Sie auch Musik?”

Ich: “Natürlich höre ich auch Musik, was denkst du denn was ich bin, ein Roboter?” Und warum denken Schüler immer Lehrer hören grundsätzlich nur Klassik. Allerdings umschiffe ich die Frage nach meinen Musikpreferenzen immer geschickt, indem ich solage über irgendwas anderes quatsche, so dass sie gar nicht merken, dass ich ihre Frage unbeantwortet lasse.

Versteht man sich mit einer Gruppe besonders gut – kommt ja vor – dann fragen sie gerne mal: “Frau Freitag, habe Sie schon mal gekifft?” Hier gibt es nur eine Reaktion: “Na was meint ihr denn?” Und dann schnell das Thema wechseln. Bloß nicht ja oder nein sagen.

Dann der Klassiker: “Wollten Sie schon immer Lehrer werden?” oder “Warum sind Sie eigentlich Lehrer geworden?”

Eben gerade, letzte Stunde kam diese Frage wieder und ich – gerade so gut gelaunt, die Tuschkästen sortierend lasse mich dazu hinreißen, ihnen meinen kompletten beruflichen Werdegang zu erzählen. Irgendwann sagt Meltem: “Frau Freitag, Sie haben es gut, sie haben ihren Beruf, verdienen genug Geld, können sich alles leisten…”

Endlich hat es mal jemand kapiert. “Ja, genau, ihr müßt hier sein und bekommt kein Geld und ich bin hier und verdiene die ganze Zeit Geld.”

“Ich will auch mal viel Geld verdienen.” sagt Meltem.

Ich: “Wie viel ist denn für euch viel?”

Noah: “Mindestens 2500 Brutto.”

Zufällig habe ich meine Gehaltsabrechnung in der Tasche und hole sie raus: “Also ich verdiene mehr als das. Hier….” Ich lese ihnen mein Brutto vor, sie staunen. Dann lese ich ihnen genau vor, was dann wieder abgezogen wird. Sie sind entsetzt. Wir sprechen über den Solidarbeitrag, die Pflege- und die Rentenversicherung. “Werden Sie da nicht sauer, dass Ihnen so viel abgezogen wird?”

“Na ja, ich werde sauer, wenn ein Schüler den Haarpinsel im Wasser stehen läßt und der kaputt geht und dann von den Steuern ein neuer Pinsel bezahlt werden muss. Dann werde ich sauer. Oder wenn Schüler ständig zum Arzt rennen, nur weil sie keine Lust haben zur Schule zu gehen und damit die Krankenkasse belasten.” Plötzlich sagt eine Schülerin: “Oh, es klingelt gleich.” “Echt? Schon?” Sie räumen auf, stellen die Stühle hoch und gehen.

Und die Bilder, die sie gemalt haben sehen auch gar nicht schlecht aus.

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10 Antworten to “Wenn der Lehrer als Mensch entdeckt wird”

  1. Frl. Krise Says:

    Lalalala, Frau freitag….die ferien nahen…..im galopp!!!!
    Bei mir wars auch schön: Zeugnisse sind fix und foxi, eine letzte schulversäumnissanzeige noch flott geschrieben, die klasse ein bisschen gelobt (jetzt, wo sie sich gerade nach den weihnachtsferien berappelt haben, schon wieder frei- doof eigentlich!) und ebenso wie bei ihnen jede menge fragen beantwortet (10. Klasse!):
    “Wie alt sind sie?” – no comment
    “Wie finden sie Herrn X (gräßlicher kollege), aber mal ehrlich!” no comment, aber ein bisschen stirnrunzeln.
    ” Finden sie Umut süß?”- entrüstung meinerseits, aber auch ein bisschen zustimmung.
    Plätscher, plätscher…..herrlich, friedlich, harmonisch! Wenn es jeden tag so wäre, müsste man dafür bezahlen…..

    So,

    • fraufreitag Says:

      Montag Ismail mitten in der Auswertungsphase: “Frau Freitag, wann gehen wir denn nun Kaffee trinken?” Lieblingsschülerpotenzial oder nur gute laune vor’m Unterrichtsende?

  2. kokopelli Says:

    Bei uns geht’s auch in Richtung Friede Freude Eierkuchen – lediglich die noch korrigierende Lehrerschaft steht kurz vor dem Burnout und kriecht herum wie die Zombies, unfähig, pädagogisch auf die Bedürfnisse der Schülerschaft adäquat einzugehen.
    Nicht, dass die das merken würde.

    Ein Beispiel:
    Ich sitze völlig geplättet im Aufenthaltsraum, Schülerin kommt herein, fragt, ob sie sich dazu setzen darf, deutet müde Lehrerhandebewegung als Einladung, wirft sich in den Stuhl und legt los. 40 min lang Beichte über das letzte halbe Jahr, den letzten Freund, warum der nicht mehr der aktuelle Freund ist, den aktuellen Freund, und was Mutter, Schwester, Tante dazu sagen. Der Lehrer (ich) ist nur zu matten “listening noises” fähig: hm, ja, echt, ist ja schlimm, nein wirklich?
    Nach 40 min packt sie sich zumsammen, bleibt stehen und sagt: “Also, ich möcht mich jetzt bedanken, das war jetzt echt ein voll ein schönes Gespräch mit ihnen.”

    ???

    Gebt mir Ferien.

  3. C Says:

    Haben Sie denn nun schonmal gekifft oder nicht? ;)

  4. Fr. Nach der Schule Says:

    willkommen in meiner welt fr freitag! der jugendclubwelt. vertrauliches ist mein geschäft!
    in der dankbaren position weder eltern noch lehrerin zu sein, komme ich regelmäßig ich in den genus der fragerunde.
    das es sich hier um meine arbeit handelt erreicht die wenigsten jugendlichen. (ein zeichen dafür das ich meinen job richtig gut mache…!?) sehr beliebt ist in diesem zusammenhang die frage wo ich denn arbeite oder ob ich auch msa habe. („nein diplom“ „ah“ sagt den wenigsten was… scheint nix wichtiges zu sein.)
    in der annahme, das ich also auch nur so zum spaß da bin, erzählt man mir außerdem alles! wie man wieder die lehrer vollvaarscht habe, und nur geredet habe bei frau sowieso und wie die dann voll ausgetickt ist… und das sie jetzt diesen und jenen tadel haben, dabei hätte xy viel mehr geredet und sie ja nur geantwortet, wie gemein das ist, und das sie dann bei frau mathe wieder nur rumgelacht haben, weil die sei nett, bei der könnte man das machen……. etc. pp
    außerdem genieße ich täglich ausführliches: und dann hab ich gesagt… und dann hat er gesagt… und dann hab ich gesagt… und dann hat er gesagt… und dann hab ich gesagt… und dann hat er gesagt… und dann hab ich gesagt… und dann hat er gesagt… und dann hab ich gesagt…. und dann hat er gesagt … .

    so schön es auch sein kann es nicht zu müssen, ich darf keine noten geben!
    grüße

  5. Kokopelli25 Says:

    Der Lehrer wird ja gelegentlich nicht nur als Mensch entdeckt, sondern auch als sexuelles Wesen.

    “Ach, Sie sind auch schon auf diesen Lila-Zug aufgesprungen? Die anderen Lehrer haben auch nur mehr lila Pullis und Hemden an. Aber wissen Sie eigentlich, dass Lila die Farbe der sexuellen Frustration ist?”

    ???

    ICh dachte immer, Lila sei die Farbe der esoterisch angehauchten Räucherstäbchenverwender.

    • fraufreitag Says:

      und ich dachte lila sei einfach nur gerade in mode.

      • Kokopelli25 Says:

        Das ist die einfachere Erklärung, das stimmt, sonst hätten wir seit der Herbst/Wintersaison 2009 einen plötzlichen, unerklärlichen Anstieg an sexueller Frustration in der Bevölkerung. Oder von Räucherstäbchenverbrauch, was sich aber einfacher nachweisen ließe.

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