Tage der offenen Türen

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Wenn man wie ich seinen Beruf so sehr liebt, dass man ihn auch in der Freizeit nicht missen möchte, umarmt man den Erfinder des “Tags der offenen Tür”. Tage der offenen Tür an Schulen gibt Vollblutpädagogen wie mir die Möglichkeit, sich wenigstens einmal im Jahr auch abends oder am Wochenende in der Schule aufzuhalten. Wenn es nach mir ginge, oder nach Frau Dienstag, gäbe es in allen Ferien die Verpflichtung offene Sprechstunden in der Schule abzuhalten. Wahlweise auch freiwilligen Unterricht und Aufsichten, für ganz Hartgesottene. Die Aufsichten könnte man sogar in den öffentlichen Raum verlegen. Einkaufszentren oder Knotenpunkte des öffentlichen Personennahverkehrs böten sich an.

Soweit sind wir leider noch nicht und deshalb begnüge ich mich vorerst mit den Tagen der offenen Türen. Für Nichtlehrer und Nichteltern: ein Tag der offnen Tür, bietet interessierten Eltern die Gelegenheit, sich Schulen anzusehen.  Jede Schule bereitet sich auf diesen Schülerfang gut vor, da werden Kunstarbeiten gerahmt und Plastiken ausgestellt, da tanzen, singen und kickboxen Musterschüler (den anderen ist der Besuch der Schule an diesem Tag untersagt). Da wird im Chemiebereich geköchelt, im Physikraum wird sich herabbewegende Masse berechnet, interaktive Whiteboards können bestaunt werden, Mütter reichen Kaffee und hausgemachtes Allerlei. Die Schule wirkt wie eine Riesenspaßfabrik. Man würde sich nicht nicht wundern, wenn hier wöchentlich Schaumpartys angeboten würden. Die zu umwerbenden Schüler sollen begeistert rufen: “Hier will ich hin. Ich will mir auch so eine schöne Handytasche nähen. Ich will auch mit Ton arbeiten und so einen lustigen Trickfilm machen, ich will Breakdancetanzen und Feurerspucken lernen.”

Tja, dann melden sie sich an und dann heißt es: “Sorry, Feurerspucken nur für die Oberstufe. Mit Ton arbeiten, wo denkst du hin… das machen wir nur in der Ton-AG und in die kommst du nicht rein, weil die schon voll ist. Ach, die Bilder von der Klassenfahrt nach Italien, na ja, die sind schon älter, das war 1987, da konnte man mit den Schülern noch verreisen. Hat dir denn niemand gesagt, dass wir hier seit Jahrzehnten keine Fahrten mehr machen?”

Und dann sitzen die kleinen, sich aufgrund falscher Tatsachen angemeldeten, neuen Schülerchen in der Klasse und dann heißt es: “Jacke aus, Blatt raus, Stift in die Hand, ich diktiere…”

Aber für uns Lehrer ist sind die Tage der offenen Türen eine super Sache. Für ein paar Stunden sind wir alle glücklich. Enthusiastisch präsentieren wir unseren Arbeitsplatz. Wir denken: Ist doch gar nicht so schlecht, was wir hier machen. Wir besuchen die Kollegen der anderen Fachbereiche und stellen überrascht fest: Na, das zischt und spritzt hier in Chemie… ist doch ein Riesenspaß, warum hassen meine Schüler denn den Chemieunterricht so sehr? Beschwingt gehen wir dann nach Hause und denken, warum fühle ich mich denn so anders? So gar nicht niedergeschlagen und hoffnungslos und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Es waren gar keine Schüler da. Die Arbeit könnte so schön und unkompliziert sein…

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4 Antworten to “Tage der offenen Türen”

  1. Anna-Lena Says:

    Köstlich und so gut nachvollziehbar.
    Diese highlight haben wir Mitte Februar.
    LG Anna-Lena

  2. Frl. Krise Says:

    Hach Fraufreitag, sie haben mal wieder den nagel auf den kopf getroffen.
    An meiner schule bekommt jeder kollege so ein herrliches namensschildchen und man spürt schon dadurch so eine unerhörte wichtigkeit und fühlt sich überhaupt wie das bodenpersonal von lufthansa.
    Die eltern verwickeln einen in reizende gespräche und erst gegen ende, wenn man gerade denkt, diese nette gebildete mutter MUSS ihr kind bei uns anmelden, lässt sie beiläufig fallen, dass der Benni schwer ADHS hat, aber unbehandelt…….”denn tabletten und therapie bringen ja eh nix, Benni braucht nur die zuwendung und geduld einer engagierten lehrerin! ”
    Zähneknirrschend lächelt man tapfer und malt sich schon frohe stunden mit benni aus, der im kunstunterricht mit kleinen tonkugeln in richtung tafel wirft und der sein deutsch-arbeitsblatt nur laut pfeifend unterm tisch bearbeiten kann……
    Aber meistens wird dieser Benni nicht bei uns angemeldet, sondern irgendein Sämmi, der schwer ADHS hat, aber unbehandelt…

  3. Fr. Freizeit Says:

    ja! ein ewiger tag der offenen tür, so muss man sich das vorstellen nach der schule. nur die engegierten kommen, jene die auch am nachmittag nicht aus pädagogisch betreuten räumen flüchten… ohne opfer-schwör…

  4. Frl. Krise Says:

    Fr.Freizeit, so wie sie möchte ich auch nich arbeiten…. auch wenn nachmittags nach der schule nur engagierte kommen! Sie können ja nich mal mit nem tadel winken oder großzügig fünfen verteilen…!

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