Mädchen, immer eine Nasenlänge voraus

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Wochenende. Eigentlich schade – hat gerade angefangen Spaß zu machen und schon ist die Woche wieder rum. Eben hatte ich noch eine Vertretungsstunde in einer mir unbekannten 10ten Klasse. Vertretungsstunden sind doch die schönsten Stunden…man weiß nie was da so kommt. Und meistens kommt zunächst gar keiner. Dann trudeln so nach und nach doch noch einige Schüler ein. Die Mädchen setzten sich erstmal mittig hinten ans Fenster und polieren ihr Make-up auf. Da wird gepudert und geeyeliniert. Vorher gibt eine  ‘ne Runde Hautcreme aus. Interessiert betrachte ich mit welcher Routine sie sich die Gesichter bemalen. Da stimmt die These, dass regelmäßiges Üben den Lernerfolg steigert. Würden die sich nur mit halb soviel Energie um die Schule kümmern – wir hätten nur noch Schnellläuferklassen.

Dann kommen die Jungen. Die wollen sich alle in die letzte Reihe setzen. Da das nicht geht, sitzen sie am Ende darwinistisch gestaffelt. Die Alphatiere ganz hinten und die Deppen ziemlich nah bei mir.

“So Leute, schön dass ihr da seid. Ich habe mir was überlegt für diese Stunde. Ihr habt doch nächste Woche alle eure mündliche Prüfung in Englisch und ich dachte mir, dass wir heute noch mal schnell dafür üben könnten.”

Die Begeisterung hält sich in Grenzen.

“Okay. Also ich mache euch jetzt drei Vorschläge: Ihr könntet für die Englischprüfung üben, Hausaufgaben machen oder was Ausmalen.”

“Jaaaaa, ausmalen!”

Ach süß, wie diese späteren Stützen der Gesellschaft da sitzen und Kreise ausmalen – so ordentlich und so konzentriert. Vielleicht  sollten sie aber trotzdem für die Englischprüfung lernen. Wenn die alle durchfallen, keinen Realschulabschluss bekommen, später keinen Ausbildungsplatz und keine Arbeit finden, dann bin ich Schuld, weil vielleicht hätten sie ja noch mit Englisch alles ausgleichen können. Wer zahlt dann meine Rente.

“Hat eigentlich schon jemand einen Ausbildungsplatz?”

Schweigen.

“Na was wollt ihr denn werden?”

“Medizinische Fachangestellte”, “Einzelhandelskauffrau”, “Autolakiererin”

“Und die Jungs? Was ist mit euch? Habt ihr schon was?”

“Kann man eigentlich eine Ausbildung zum Zuhälter machen?”

“Ich werd’ Dealer, da verdient man gut.”

“Ich mach Frauenarzt oder Schönheitsoperation.”

“Du meinst Arzt für plastische Chirugie.”

“Ja geil, kann ich Titten operieren.”

Es klingelt. “Bitte stellt die Stühle ran und bringt die Stifte nach vorne.” Sagt man nicht, dass die Mädchen den Jungen immer um zwei Jahre voraus sind? Und es werden doch statistisch mehr Mädchen geboren als Jungen, oder?

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2 Antworten to “Mädchen, immer eine Nasenlänge voraus”

  1. graval Says:

    Tja… Kommt mir irgendwie (aus männlicher Sicht) bekannt vor, wenn auch ohne die maskulin-stereotypischen Vorschläge =)

  2. marielinmohnroh Says:

    Frau Freitag, es gefällt mir mal aus Ihrer Sicht als Lehrerin die Lage an den Schulen zu erlesen. Als Mutter habe ich schon lange die Schnauze voll von unserem Bildungssystem. Ich habe keine Lust mehr Kuchen für Sommerfeste zu backen, Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe zu organisieren und die Schulmaterialien in Stand zu finanzieren. Die Macht der Noten und Zeugnisse am Eßtisch unserer Familie muss gebrochen werden. Die Elternabende öden mich an. Die Schulpflicht läßt mir leider kaum Spielraum für eigene Freiräume.
    Hat mal jemand ein Patentrezept gegen Schulfrust von Eltern? Ich schlage vor wir Frauen tun uns zusammen und boykottieren das ganze System! Ich verweigere mich jedenfalls ab sofort so gut ich kann.

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